Wir sind der

Osten

Daniela Schulze

Daniela Schulze ist Studentin (Multimedia und Autorschaft), 1994 in Hoyerswerda geboren und in Wadelsdorf und Spremberg aufgewachsen.

Geblieben: Daniela wohnt aktuell in Leipzig.

Foto: Lisa Ossowski

Das Profil teilen:

Weshalb bist du geblieben?

Ich bin gegangen und geblieben. Zwischen meinem Leben in Leipzig und meinem Leben in meinem Heimatort liegen Welten. Das liegt natürlich unter anderem an der deutlichen Differenz in der Einwohnerzahl – aber auch an den fehlenden Perspektiven im Süden Brandenburgs. Niemand aus meinem engeren Freundeskreis ist in der Region geblieben. Bewusst weit weg hat es mich, bis auf ein Auslandsjahr in Genua und Rom nach dem Abi, aber nie gezogen. Ich fühle mich dem Osten irgendwie verbunden und würde gern auch perspektivisch bleiben, hier mitgestalten.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Schon bevor ich Teil von „Wir sind der Osten“ wurde, lag mir das Thema am Herzen. Ich habe mich unter anderem in einem Uniprojekt mit Menschen beschäftigt, die die Zukunft im Osten hier und heute gestalten und auf ihre Storys aufmerksam gemacht. Bei „Wir sind der Osten“ kann ich das super intensivieren – und so hoffentlich an einem Perspektivenwechsel mitarbeiten. Ich freue mich jedes Mal wieder in den Profilen der zahlreichen coolen Macher:innen mit ostdeutschen Wurzeln davon zu lesen, wie sie sich engagieren, ihre Zukunft in die Hand nehmen und mich davon inspirieren zu lassen. Wie es für mich nach meinem Master weiter geht, weiß ich aktuell noch nicht, aber egal, wo die Reise hingeht – ich möchte mich weiter für eine faire Perspektive auf den Osten und eine soziale, nachhaltige Welt engagieren, in der wir auch in Zukunft noch leben möchten.

  • 1994

    Hoyerswerda

  • Spremberg

  • Wadelsdorf

  • 2012

    Genua

  • 2013

    Rom

  • Erfurt

  • 2020

    Leipzig und Halle

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

2 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Mein Ost-Gefühl rührt wohl nicht zuletzt daher, dass ich nur eine halbe Stunde von der polnischen Grenze entfernt groß geworden bin. Mehr Osten geht fast nicht. Ich habe die DDR nicht mehr selbst erlebt, spüre ihre Nachwirkungen aber doch in Familiengeschichten und meiner Sozialisation. In meiner Kindheit und Jugend waren Nachwendeerscheinungen wie fehlende Arbeitsplätze und Perspektiven sowie Kleinstadt-Nazis immer Thema. Mit den Menschen im Osten fühle ich mich daher stärker verbunden. Ich merke, dass ich mich in den letzten Jahren intensiver mit meiner Herkunft auseinandersetze – unter anderem aufgrund vorurteilbehafteter, flapsiger Kommentare oder dem medial oft bedienten, miesen Ost-Image. Das macht mich wütend und traurig – denn der Osten ist und kann so viel mehr als das.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Ich denke, meine Herkunft ermöglicht mir, die ostdeutsche Perspektive auf aktuelle Entwicklungen besser zu verstehen und zu fühlen. Etwas sehr Wichtiges, das mir meine Familie mitgegeben hat, ist, dass man sich kein vorschnelles Urteil über fremde Lebensgeschichten erlauben sollte. Die DDR war weder schwarz noch weiß – sondern irgendwas dazwischen, in jeder Biografie ein bisschen anders gefärbt. Diesen Facetten muss der gegenwärtige Diskurs gerecht werden. Ich denke, meine Herkunft zeigt sich außerdem darin, dass mir Bodenständigkeit, Ehrlichkeit und Solidarität wichtig sind.

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir, dass die ostdeutsche Perspektive gleichwertig und gleichberechtigt neben der westdeutschen steht. Dafür müssen auch die letzten Reste der gedanklichen Mauern, die es in Ost wie West leider auch 30 Jahre nach der Wende noch gibt, fallen. Der Osten muss mutiger werden, mehr wagen, sich selbstbewusster zeigen. Abgesehen davon bedarf es schlichtweg politischer Maßnahmen, um Vertrauen wiederherzustellen. In meiner Heimat ist der Braunkohleausstieg ein riesiges Thema. Wenn die Politik es hinbekommt, die Menschen vor Ort aufzufangen, nachhaltig Jobs und Perspektiven zu schaffen und so quasi einen Teil dessen auszubügeln, was nach der Wende schief lief, werden Misstrauen und Verdruss weichen – und die AfD-Prozente hoffentlich schmelzen.