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Osten

Martin Speer

Martin Speer ist Autor, Aktivist und politischer Berater und 1986 in Leipzig geboren.

Zurückgekehrt: Martin lebt heute in Berlin.

Foto: Phil Dera (DIE ZEIT)

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Weshalb bist du zurückgekehrt?

Im Herbst 1989 flohen meine Eltern mit mir, ich war damals 3 Jahre alt, über die Prager Botschaft in den Westen. Die Unfreiheit und das eingeschränkte Leben in der ehemaligen DDR und die historisch einmalige Gelegenheit in Prag, haben meine Eltern bewogen zu fliehen. Mit einem der „Züge in die Freiheit“ kamen wir damals in der bayerischen Stadt Hof an.

2011 zog ich nach Berlin, erst nach Tempelhof, dann in den Prenzlauer Berg. Auch wenn heute nur noch wenig an den Vorwende-Geist und -Zustand im Prenzlauer Berg erinnert, so ist es für mich doch auch eine Rückkehr. Denn meine Geburtsstadt Leipzig, die auch Wohnort meiner Großeltern ist, liegt nur rund eine Stunde Zugfahrt entfernt.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Ein geeintes Europa, ein gerechte Gesellschaft und Zukunftsneugier als politische Leitlinie, dass sind die Ziele für die ich mich einsetze. Mit konkreten politischen Ideen und Kampagnen (z.B. FreeInterrail, EuropeLovesUK) versuche ich einen Beitrag für Europas Integration zu leisten und mit Beratung Akteuren aus Politik, Unternehmen und Zivil-Gesellschaft einen neuen Blick auf die Zukunft und ihre Potentiale zu geben. Ich bin Teil des Autorenteams HERR & SPEER und veröffentliche Artikel, Bücher und Ideenpapiere.

  • 1986

    Leipzig

  • Pechbrunn

  • Heroldsberg

  • Nürnberg

  • Heute

    Berlin

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

4 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Ich fühle mich deutsch-deutsch. Auch wenn ich nach der Flucht in Mittelfranken aufgewachsen bin, die dortige Kultur einen Einfluss auf mich hatte, so hat mich die Haltung, Lebensweise und Sprache meiner Eltern und Großeltern ebenso geprägt. Als Ostdeutsch empfinde ich beispielsweise das bewusste Wertschätze kleiner Dinge, eine selbstgemachte Marmalade, ein nettes Wort, eine hilfsbereite Nachbarschaft. Ebenso fiel mir schnell auf, dass ich, wie auch andere Kinder mit Ostdeutschen Eltern, weniger laut sprach und selbstbewusst auftrat. Mir wurde beigebracht, Dinge zu hinterfragen und die Fragilität politischer und ökonomischer Systeme zu erkennen.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Die Fluchterfahrung meiner Eltern und die Einschränkungen, die sie in der ehemaligen DDR erfuhren, haben auch mich geprägt. Zum einen, weil es meine Eltern zu sehr eigenständigen Menschen gemacht hat, zum anderen weil sie mir vermittelt haben, immer hinter den Augenschein der Dinge zu blicken. Von meinen Großeltern lernte ich, dankbar zu sein und das Glück nicht am materiellen Status hängt, sondern eine Frage von Haltung ist.

Was wünschst du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir, dass wir Ost wie West, Nord wie Süd, noch enger zusammenwachsen. Dass wir das geeinte Deutschland mit einem geeinterem Leben noch realer werden lassen. Dass wir unsere Unterschiede als Stärke erkennen und verstehen, dass wir alle ein identisches Reiseziel haben: Die Zukunft. Von vielen Westdeutschen wünsche ich mir mehr Empathie und einen differenzierteren Blick auf den Osten. Von vielen Ostdeutschen wünsche ich mir mehr Selbstbewusstsein und Zukunftsfreude. Lasst es uns gemeinsam anpacken!