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Osten

Amanda Groschke

Amanda Groschke ist Sozialwissenschaftlerin und Dozentin für Nachhaltigkeit und 1978 in Hoyerswerda geboren.

Zurückgekehrt: Amanda lebt heute in Berlin.

Foto: Alexander Shapovalenko

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Weshalb bist du zurückgekehrt?

Mitte der 1990er Jahre wurde ich von meinem Vater nach Hermannsburg (Niedersachsen) zur Ausbildung geschickt. Bereits 1996 habe ich meine Lehrausbildung zur Hotelkauffrau abgebrochen, da ich von Anfang Abitur machen wollte. Ich musste sehr lange darum kämpfen, dass mein Vater dem zustimmte. Nach dem Abitur, 1999, bin ich dann von Cottbus nach Berlin gezogen. In Cottbus gab es keine berufliche Perspektive, um sich auszuprobieren. Schließlich bin ich nach 13 Jahren Berlin, 2012 nach Kassel (Hessen) gegangen, wegen der beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten. Aber nach 4 Jahren bin ich wieder zurück. Ich bin in Kassel nie angekommen, hatte große Schwierigkeiten mit der nordhessischen Mentalität.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Sich auf Spurensuche nach freiheitsverbürgenden Neuanfängen in der Geschichte und im Leben begeben. Neue Wege für den Umgang mit der Vergangenheit suchen. Innovative Erwartungshorizonte für zukünftiges und selbstbestimmtes Handeln aufzeigen. Nicht nur für Menschen, sondern auch für Unternehmen und Organisationen – das bin ich. Die Erinnerung an die Vergangenheit, die Bildung von Identität und das Erzählen (auch eigener) gelingender Geschichten – damit eröffne ich neue Gestaltungsmöglichkeiten für persönliches Wachstum und gesellschaftlichen Wandel. Das zeichnet vor allem meine innere Haltung aus, mit der ich täglich professionell, aber auch ehrenamtlich auf Menschen zugehe und gestalte.

  • 1978

    Hoyerswerda

  • Cottbus

  • Celle

  • Atlanta

  • Kassel

  • 2019

    Berlin

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

4 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Dieses „ostdeutsche“ Gefühl nehme ich stärker durch meine Reisen als Wissenschaftlerin und Beraterin wahr. Sobald ich westdeutschen Boden betrete oder im Ausland unterwegs bin, dann wird mir meine ostdeutsche Herkunft bewusster. Ich fühle ich mich fremd, verloren und einsam, aber nie als Opfer. Ich fühle mich einfach anders: Ich bin ein sehr kritischer, hinterfragender und nachdenklicher Mensch. Ich nehme nicht alles hin, sondern gehe den Dingen auf den Grund. Ich packe immer sofort mit an und unterstütze, egal wo ich bin. Das ist ein schönes Gefühl, das mich auch immer an meine Kindheit erinnert und darauf bin ich stolz.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Ich kann mit Veränderungsprozessen sehr gut umgehen. Ich würde sogar behaupten, dass ich Veränderung liebe. Mir macht es großen Spaß, mich in Sachgebiete einzuarbeiten, zu hinterfragen und zu bohren. Ja, die Wendeerfahrung hat mich noch stärker gemacht, aber das kommt nicht von allein, sondern ich habe mich persönlich nach 15 Jahren Mauerfall damit sehr intensiv auseinandergesetzt. Meine Eltern haben zu viele Brüche erlebt, von ihnen habe ich gelernt mit Veränderung umzugehen, nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern wieder aufstehen und weitermachen. Mutig sein und einfach machen – das ist ihr Motto bis heute.

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

„Ich wünsche mir endlich gleiche Einkommensverhältnisse in Ost und West.
Ich wünsche mir Anerkennung für die geleistete Arbeit der Elterngeneration im Osten. Ostdeutschland ist klasse, es gibt viele gelingende Geschichten zu entdecken. Ich wünsche mir außerdem einen innerdeutschen Dialog auf Augenhöhe, damit wir irgendwann tatsächlich ein wiedervereinigtes Deutschland sind, mit seinen 16 Bundesländern, die jeweils stolz sind auf ihre Geschichte, Traditionen, Dialekte und Lebensweisen. Persönlich wünsche ich mir für die Zukunft, dass ich voller Stolz sagen kann: „Ich bin im Herzen Ostdeutsche, Sächsin, Brandenburgerin und Wahlberlinerin“. “