Wir sind der

Osten

August Modersohn

August Modersohn ist 1994 in Berlin geboren und später nach Ostdeutschland gezogen.

Rübergemacht: August wohnt aktuell in Leipzig, wo er als Journalist arbeitet.

Foto: Felix Opper

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Weshalb hast du in den Osten rübergemacht?

Nach der Schule wollte ich weg aus Berlin. Ich bin in Schöneberg und Charlottenburg aufgewachsen – also im Westen. Dass man das heute noch so sehen muss, ist mir erst bewusst geworden, als ich nach Dresden gekommen bin. Das war im Herbst 2014, zu einer Zeit, als PEGIDA loslief. Plötzlich bemerkte ich sie: die alten Vorurteile gegenüber dem Osten, in meinem Freundeskreis (der sehr westdeutsch war) und auch in meiner Familie (die westdeutsch ist). Vor 2014 hat es in meinen Kreisen wenig echtes Interesse für den Osten gegeben. Auch ich selbst hatte mich bis dahin viel zu wenig mit Ostdeutschland auseinandergesetzt. Das hat mich erschüttert. Das wollte ich ändern. Und deshalb bin ich geblieben.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Als Journalist will und kann ich Themen setzen. Mir ist es wichtig, ostdeutsche Perspektiven auf die Agenda zu bringen.

  • 1990

    Berlin

  • Dresden

  • Wien

  • 2080

    Leipzig

Glaubst du, Menschen in Ostdeutschland können besser mit Veränderungen bzw. Wandel umgehen?

3 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich ostdeutsch?

Ich bin westdeutsch sozialisiert. Kein Mensch in meiner Familie kennt die Brüche, die Menschen in Ostdeutschland erfahren mussten. Wenn ich sagen würde, dass ich ostdeutsch wäre, käme mir das vermessen vor. Trotzdem haben mich die Zeit hier, all die Gespräche und Bekanntschaften, sehr geprägt. Ich fühle mit den Ostdeutschen. Und werde das immer tun.

Welche Erfahrungen hast du in Ostdeutschland gemacht?

Es gab diese Kneipenabende in Berlin, an denen ich alte Freund*innen wiedergetroffen habe: „Na, wie geht’s dir bei den Rassisten?“ Wie oft ich mir das anhören musste. Erst hat mich das genervt. Dann getroffen. Und bald habe ich den Osten verteidigt, natürlich nicht bedingungslos. Aber wir haben gut diskutiert. Viele meiner Freund*innen haben mich dann auch mal besucht. Und inzwischen höre ich jedenfalls diesen Spruch nicht mehr.

Glaubst du, Westdeutsche hatten nach der Wiedervereinigung im Osten Vorteile?

Wessis hatten nicht nur Vorteile, leider haben aber auch viele die Vorteile, die es gab, schamlos ausgenutzt. Ich hatte kaum ein Gespräch mit einer/einem Ostdeutschen, das nicht irgendwann an dem Punkt ankam, wie die eigene Familie mal von Wessis verarscht worden ist.

Was hast du in Ostdeutschland gelernt?

Sehr viel. Über Ostdeutschland, aber auch über Westdeutschland: Wie groß das Desinteresse am Osten noch immer ist. Wie wenig Wessis überhaupt einmal im Osten waren. Wie krass die Unkenntnis! Wie wenig (um genau zu sein: nichts außer Lichtenhagen) ich über die Neunzigerjahre in Ostdeutschland wusste, bevor ich in den Osten kam. Allein die Treuhand – davon hatte ich (und hatten auch meine Freund*innen) nie etwas gehört. Kam ja auch nie im Schulunterricht vor. Und auch nicht am westdeutschen Abendbrottisch. Wie krass die Benachteiligung bis heute ist, habe ich erst lernen müssen.

Was wünschst du dir für Ostdeutschland?

Echtes Interesse. Gleichberechtigung. Keine dummen Vorurteile mehr. Und (das gilt aber auch für Westdeutschland!), dass marginalisierte Menschen nicht mehr marginalisiert werden.