Wir sind der

Osten

Christin Heinig

Kristin Heinig ist Kulturwissenschaftlerin und 1984 in Schmölln geboren und in Schlöben bei Jena aufgewachsen.

Geblieben: Kristin lebt heute in Dresden.

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Weshalb bist du geblieben?

Ich bin geblieben, weil ich mich meiner Herkunftsregion doch verbunden fühle. Zwar hat es mich zwischendurch immer wieder einmal für einige Monate in andere Länder gezogen. Ich genieße das Anderswo-Sein. Und dennoch war es mir wichtig, dem Osten nicht dauerhaft den Rücken zu kehren. Das ist der Teil der Welt, mit dem ich etwas verbinde. Ich möchte hier die Dinge im Kleinen mitgestalten, die mir wichtig sind. Auch, wenn es manchmal aufreibend und frustrierend ist.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Als wissenschaftliche Mitarbeiterin einer Dresdner Kulturinstitution arbeite ich daran mit, Räume der öffentlichen Diskussion kontroverser gesellschaftlicher Fragen zu öffnen. Seit vielen Jahren engagiere ich mich außerdem für die Themen Migration und gesellschaftliche Vielfalt. Ich habe einige Jahre lang ehrenamtlich Deutschkurse für Geflüchtete gegeben, habe an Kampagnen und Projekten mitgearbeitet. In den letzten Jahren ist der Internationale Garten Dresden zu meinem Herzensprojekt geworden: Dort verbinden sich für mich zwei der für mich wichtigsten Zukunftsthemen – der Umgang mit gesellschaftlicher Vielfalt einerseits, Fragen einer ökologisch nachhaltigen Entwicklung andererseits.

  • 1984

    Schmölln

  • 2019

    Dresden

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

3 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Ich fühle mich ostdeutsch, weil mit der ostdeutschen Herkunft bestimmte biografische Erfahrungen verbunden sind, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart. Die Identifikation als ostdeutsch hat bei mir in den vergangenen Jahren eher zu- als abgenommen. Vor zehn Jahren hätte ich die Frage nach einer ostdeutschen Identität wahrscheinlich noch sehr viel zögerlicher beantwortet. Mit zunehmenden Erfahrungen, sei es im persönlichen Umfeld, im Beruf oder auf Reisen, hat sich meine Wahrnehmung geschärft für die mal gröberen, mal feineren Unterschiede, die es fast dreißig Jahre nach der Einheit noch gibt. Damit meine ich nicht bloß Benachteiligungen, eher verschiedene Lebenswelten und -erfahrungen.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Als mein Bruder und ich so alt waren wie meine Töchter heute, haben meine Eltern mit uns die Wendezeit erlebt. Für sie brachte das, wie für sehr viele, eine völlige Veränderung ihres Arbeits- und Lebensumfeldes, Arbeitslosigkeit, entwertete Abschlüsse, berufliche Neuorientierung. All die damit verbundenen Verunsicherungen haben sich mir eingeprägt. Innerhalb weniger Monate kann alles anders sein, als man es geplant hat. Ich bewundere unsere Elterngeneration dafür, dass sie das geschafft haben. Meine Töchter werden auch nicht in der Gewissheit einer krisenfreien Gegenwart und Zukunft aufwachsen. Doch ich fühle mich handlungsfähig und hoffe, ihnen dieses Gefühl mitgeben zu können.

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir, dass die Menschen in Ostdeutschland – Dagebliebene, Hinzugekommene, Zurückgekehrte – ihre Chance wahrnehmen, um die Zukunft der Region positiv zu gestalten. Aufgaben gibt es schließlich genug. Unterschiedliche biografische Erfahrungen und Prägungen sind dabei kein Makel, sondern eine wichtige Ressource für diese Gesellschaft. Um sie nutzen zu können, braucht es ihre Anerkennung: die Anerkennung ostdeutscher Sichtweisen im gesamtdeutschen Diskurs – aber umgekehrt auch die Anerkennung anderer und neuer Positionen durch die Menschen im Osten.