Christin Melcher

Christin Melcher ist Mitglied des Landtages (B’90/Die Grünen) in Sachsen und 1983 in Ückeritz geboren und aufgewachsen.

Geblieben: Christin wohnt aktuell in Leipzig.

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Was hat dich motiviert, politisch aktiv zu werden?

In unserer Familie war der Wahlsonntag immer etwas besonderes. Geheim und frei Wählen zu können war keine Selbstverständlichkeit. Die Neunziger waren auch bei uns politische Zeiten, ob in der Familie, in der Schule oder in der Freizeit. Viel wurde diskutiert. Der aufkommende Rechtsextremismus hat auch mich früh politisiert, dem etwas entgegenzusetzen, wo es nur wenige getan haben.

Wie überzeugst du junge Menschen, in Ostdeutschland zu bleiben und vor Ort die Zukunft zu gestalten?

In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Gesellschaft zwischen Harz und Oder vermutlich stärker gewandelt als in den 30 Jahren davor. Sie ist vielfältiger und einfältiger, weltoffener und provinzieller, moderner und rückständiger – auf jeden Fall zu widersprüchlich, um sie in eine Schublade zu stecken. Und die Zukunft des Ostens liegt sicher nicht im Ausschluss anderer, sondern in der Einladung, dieses Land gemeinsam zu verbessern. Dafür gibt es genügend Freiraum und Menschen die hier aktiv an einer besseren Zukunft arbeiten.

  • 1983

    Ückeritz

  • 2021

    Leipzig

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Jein. Bis vor wenigen Jahren hätte ich diese Frage verneint, ich fühlte mich eher als Europäerin. Mit dem Aufkommen der Debatte Rechtsextremismus in Ostdeutschland, in der der Ostdeutsche in der Regel als Opfer der Umstände und damit auch Rechtsextremismus rechtfertig wurde fand ich es wichtig auch eine andere ostdeutsche Perspektive zu betonen. Die Menschen aus dem Osten sind zu vielfältig um sie auf einen Nenner zu bringen. Aber natürlich hat mich meine Ostdeutsche Herkunft geprägt.

Weshalb gibt es noch immer weniger parteipolitisches Engagement in Ostdeutschland und wie möchtest du das ändern?

Wir brauchen vor allem Vertrauen in die demokratischen Strukturen und positive Selbstwirksamkeitserfahrungen. Wenn Menschen erleben, dass sie ihr Umfeld ganz konkret mitgestalten und verändern können, verändert das ihr Mitwirken in demokratischen Strukturen. Wir brauchen daher mehr niedrigschwellige Beteiligungsmöglichkeiten und mehr Transparenz in den oft langwierigen demokratischen Entscheidungsfinungungsprozessen.

Was machst du, damit Ostdeutsche bessere Chancen haben?

Nachhaltige Strukturpolitik kann einen wichtigen Beitrag für die ostdeutschen Region leisten. Strukturschwache Regionen gibt es im Osten Deutschlands weit mehr als im Westen und diese Regionen brauchen eine neue Aufmerksamkeit. Wir benötigen mehr Ressourcen in den Ländlichen Regionen, eine gut vernetzte Verkehrsanbindung auch jenseits des Autos, eine gute Daseinsversorgung, gut ausgestattete Gesundheitsversorgung, gute Bildungsinfrastruktur und vielfältige Angebote für junge Menschen. Die Mittelzentren brauchen mehr Aufmerksamkeit durch gezielte Ansiedlung von staatlichen, wirtschaftlichen oder Forschungs- Institutionen, sie bieten Jobs auch für höher Qualifizierte und können Innovationsmotor für die Region sein. Wir brauchen endlich mehr Tarifbindung für die Beschäftigten. Vor allem aber brauchen wir eine ostdeutsche Stimme, die für Weltoffenheit, Toleranz und Vielfalt laut wird.

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir, dass sich die Neugierigen, die Weltoffenen, die Mutmachenden durchsetzen und die Inseln des Aufbruchs, des Gestaltungswillens größer und größer werden. Ich möchte eine Ostdeutschland, das Mut zur Zukunft hat. Für Zukunftsmut ist es wichtig, aus der Trägheit herauszukommen und den republikanischen Gedanken mit Gestaltungswillen zu füllen. Dafür braucht es aber auch die ökonomischen und rechtlichen Voraussetzungen, damit sich Selbstwirksamkeit und Selbstermächtigung entfalten können. Einmischen muss sich lohnen. Ich wünsche mir, dass der Osten weg von der Abwehr von Veränderung, eingefahrene Muster und eine Verständnis von Politik als Dienstleistung sondern hin zur Offenheit für Neues, ein radikaler Realismus, grundlegende soziale Verbesserungen und eine neue politische Kultur, in der sich Einmischen lohnt, auf macht.