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Osten

Clara von der Heydt

Clara von der Heydt

Clara von der Heydt ist 1995 in Bad Oldesloe geboren und später nach Ostdeutschland gezogen.

Rübergemacht: Clara wohnt aktuell in Erfurt, wo sie studiert.

Foto: Jana Strittmatter

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Weshalb hast du in den Osten rübergemacht?

Ich bin nicht bewusst nach Ostdeutschland gezogen. Nach dem Abitur wollte ich Kommunikations- und Medienwissenschaft studieren. Leipzig hat mich gereizt. Mein Onkel und meine Tante haben einige Jahre dort gewohnt, ansonsten kannte ich die Stadt nicht. Ich war neugierig, wollte eigene Erfahrungen sammeln. Schon nach ein paar Wochen in Leipzig war klar: Hier will ich bleiben. Eine unfassbar lebendige und grüne Stadt. Ich bin froh, nicht im Norden geblieben zu sein. Für den Master bin ich nach Erfurt gezogen, um Medienpädagogik zu studieren – dafür eignet sich die Stadt besonders, weil hier mit dem KiKA und der Thüringer Landesmedienanstalt zwei große Akteure angesiedelt sind, mit denen die Uni teilweise zusammenarbeitet.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Ich arbeite in einem Zentrum für Medienbildung und entwickele Projekte der aktiven Medienarbeit. Dabei vermittle ich den Teilnehmer*innen einen verantwortungsbewussten, reflektierten und kreativen Umgang mit Medien. Jugendliche werden zum Beispiel für Themen wie Cyberbullying oder Fake News sensibilisiert, in Familien wird der Dialog über Medien angeregt und Senior*innen wird eine digitale Teilhabe ermöglicht. Ein kompetenter Umgang mit Medien wird so in allen Altersstufen gefördert – unabdingbar für eine digitalisierte Gesellschaft! Daneben studiere ich Kinder- und Jugendmedien an der Uni Erfurt und schreibe meine Masterarbeit über die Reproduktion von Schönheitsidealen auf sozialen Medien.

  • 1995

    Bad Oldesloe

  • Leipzig

  • 2020

    Erfurt

Glaubst du, Menschen in Ostdeutschland können besser mit Veränderungen bzw. Wandel umgehen?

3 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich ostdeutsch?

Nein. Ich würde sagen, meine Identität ist sehr an meine Familie gebunden, die größtenteils im Norden lebt. Ich bin dort aufgewachsen und Norddeutschland ist und bleibt meine Heimat.

Da ich nach der Wende geboren wurde und auch an der Uni viele Menschen aus ganz Deutschland studieren, denke ich gar nicht in diesen Kategorien, ostdeutsch oder westdeutsch, vor allem nicht in meinem persönlichen Umfeld.

Welche Erfahrungen hast du in Ostdeutschland gemacht?

Meine Familie hat überrascht, aber durchweg positiv reagiert. Überrascht eigentlich nur, weil ich immer eher schüchtern war und niemand mir zugetraut hat, so weit wegzuziehen. Von Beginn an haben meine Eltern mich oft besucht und sie lieben es hier genauso wie ich. Meine Freund*innen und auch Freund*innen meiner Eltern waren da anders. „Was willst du denn im Osten?“ war glaube ich die Frage, die ich am häufigsten gehört habe. Dicht gefolgt von „Reden die da nicht so komisch?“ Das wird über andere Regionen mit Dialekt nie gefragt. Vor Ort sind einige meiner Freund*innen auch aus Westdeutschland und berichten über ein ähnliches Unverständnis – meistens von Menschen, die noch nie hier waren.

Glaubst du, Westdeutsche hatten nach der Wiedervereinigung im Osten Vorteile?

In gesellschaftlicher Hinsicht vielleicht nicht, aber in ökonomischer schon. Ich glaube, dass das Einkommen da leider eine große Rolle spielt. In Westdeutschland verdient man durchschnittlich besser, daher können sich die Menschen dort mehr leisten. Viele Wohnungen hier gehören Vermieter*innen, die in Westdeutschland wohnen und die Wohnungen kurz nach der Wende gekauft haben.

Was hast du in Ostdeutschland gelernt?

Die Geschichte der DDR und der Wiedervereinigung kannte ich nur aus dem Geschichtsbuch. Durch Ausstellungen, z. Bsp. im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, habe ich viel gelernt – auch wenn das ständige Reduzieren auf genau dieses Thema mich nervt. Der Osten hat viel mehr zu bieten als nur die ehemalige DDR zu sein. Außerdem bin ich viel politischer geworden. 2015, als die erste Legida-Demonstration in Leipzig war, stand es außer Frage, ob wir zur Gegendemo gehen. Danach habe ich mich mehr mit politischen Themen beschäftigt und bin zu Demonstrationen gegangen. Außerdem musste ich die lernen, zu verstehen, was mit „Dreiviertel drei“ gemeint ist. Das fällt mir aber immer noch schwer.

Was wünschst du dir für Ostdeutschland?

Dass meine Generation die Vorurteile und den Hass endgültig abbaut. Dass Menschen aus Westdeutschland den Osten nicht belächeln, sondern seine tollen und schönen Seiten kennenlernen. Und dass Ostdeutschland in Zukunft nur noch eine geografische Bezeichnung ist.