Wir sind der

Osten

Daniela Thrän

Daniela Thrän ist 1968 in Gießen an der Lahn geboren und in Frankfurt am Main aufgewachsen. Daniela arbeitet seit 2000 in Ostdeutschland.

Rübergemacht: Daniela ist Professorin für „Bioenergiesysteme“ an der Universität Leipzig und Departmentleiterin am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (Department Bioenergie) sowie Bereichsleiterin am Deutschen Biomasseforschungszentrum (DBFZ). Sie wohnt aktuell in Berlin.

Foto: UFZ/ Susan Walter

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Weshalb hast du in den Osten rübergemacht?

Der Osten hat mich schon immer begeistert. Im Sommer 1988 habe ich mich als Medizinstudentin der Universität Kiel für ein Praktikum an der Charité beworben: das ist natürlich nichts geworden, hat aber einen ordentlichen Schriftverkehr ausgelöst. Ich bin im Sommer 1989 nach (West-)Berlin zum Studium gegangen und mochte den Osten sofort: da waren die Menschen neugierig und beweglich, es gab so große Freiräume, aber auch Dinge, die mit der westlichen Brille wirklich skurril angemutet haben – zum Beispiel das Fehlen von Telefonverbindungen, wodurch kurzfristiger Informationsaustausch – geschäftlich und privat – sehr eingeschränkt war. Nach dem Studium war ich kurz in Bayern und Baden-Württemberg, aber nie für lange. In Leipzig bin ich jetzt seit 20 Jahren. Dort haben wir die Erforschung der erneuerbaren Energie vorangetrieben. Vorher ging es an dem Standort um Forschung zu Braunkohle und Kernkraft.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Ich forsche an der zukünftigen Entwicklung der erneuerbaren Energien und wie ihre nachhaltige Einbettung in die Landschaft und die Gesellschaft gelingt. Und ich bilde in dieser Disziplin Student*innen und Doktorand*innen aus. In verschiedenen Gremien, wie dem sächsischen Energierat oder dem Bioökonomierat der Bundesregierung, versuche ich, das Wissen in die Praxis zu bringen. Das mache ich auch abends und am Wochenende in unserem siebenköpfigen Haushalt in Berlin. Dabei sind meine Kinder aber manchmal schon in ihren Nachhaltigkeitsüberlegungen weiter als ich.

  • 1968

    Gießen an der Lahn

  • Frankfurt am Main

  • Kiel

  • Berlin

  • Leipzig

  • 2020

    Berlin

Glaubst du, Menschen in Ostdeutschland können besser mit Veränderungen bzw. Wandel umgehen?

3 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich ostdeutsch?

Ich fühle mich deutsch und europäisch, am Ende aber immer noch ein bisschen mehr westdeutsch, weil mir die Erfahrung fehlt, die Ostdeutschland vor dem Mauerfall ausgemacht hat – für mich haben sich die Lebensverhältnisse nie schlagartig verändert. Auch wenn ich doch feststelle, dass die alte Bundesrepublik sich über die Jahre auch sehr verändert hat und die Verhältnisse heute überhaupt nicht mit denen vor der Wende vergleichbar sind.

Welche Erfahrungen hast du in Ostdeutschland gemacht?

Ich bin vielen interessierten, aufgeschlossenen und humorvollen Menschen begegnet. Und sie konnten tolle Geschichten erzählen. Wer der Wende eher zugesehen hat (so wie ich), der kommt nicht umhin, Hochachtung vor den bewegten Lebensläufen zu haben. Nur ganz selten bin ich auf verbitterte Ostdeutsche gestoßen – das war dann weniger schön.

Glaubst du, Westdeutsche hatten nach der Wiedervereinigung im Osten Vorteile?

Kurzfristig ja, denn sie waren ja in dem System aufgewachsen, das plötzlich für alle galt. Das habe ich zumindest häufig von den Ostdeutschen gehört: dass es schwierig war, in das neue System rein zu finden. Auch wenn ich das den Leuten nicht angemerkt hätte. In der längeren Frist war die Beweglichkeit im Kopf, die so ein Systemwechsel erfordert, ein Vorteil.

Was hast du in Ostdeutschland gelernt?

Die Wiedervereinigung hat mir gezeigt, dass es Veränderungen gibt, die man nicht vorhersehen kann. 1987 habe ich in Frankfurt am Main meine Abiturarbeit über die Unmöglichkeit einer deutschen Wiedervereinigung geschrieben – und da haben alle Abiturient*innen sehr ähnlich argumentiert. Natürlich sind wir alle davon ausgegangen, dass die Verhältnisse in Ostdeutschland stabil wären und dort die Zwei-Staaten-Lösung genauso wenig in Frage gestellt würde, wie wir es gelernt hatten. Also: man sitzt häufiger in der Box, als einem bewusst ist… Nach der Wiedervereinigung habe ich in Ostdeutschland gelernt, dass Leipzig nicht an der Ostsee liegt, dass es tolle ostdeutsche Schlager gibt, dass arbeitende Mütter sehr gute Mütter sind, dass Geld gute Ideen wie eine Planierraupe einebnen kann, dass Salzkohle sehr schwierig zu nutzen ist und große Umweltschäden hinterlässt, dass Politik und Wissenschaft besser streng getrennt sein sollten, dass in der Uckermark die schönsten Orte der Welt zu finden sind, und vieles mehr…

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Ich habe Wünsche für Deutschland: Friedlich und vereint, neugierig und innovativ, mit Tatkraft für ein grünes und soziales Europa – in einer Welt, die dem Klimawandel die Stirn bietet.

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