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Osten

Prof. Dr. Dieter Sell

Dieter Sell

Prof. Dr. Dieter Sell ist 1961 in Gladbeck geboren und später nach Ostdeutschland gezogen.

Rübergemacht: Dieter wohnt aktuell in Erfurt, wo er als Geschäftsführer der Landesenergieagentur des Freistaats Thüringen (ThEGA) arbeitet.

Foto: ThEGA

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Weshalb hast du in den Osten rübergemacht?

Vor zehn Jahren stand mein 50. Geburtstag bevor und es gab verschiedene Gründe, beruflich noch einmal etwas zu verändern. Bei meiner Suche habe ich auch die offene Position des ThEGA-Geschäftsführers gefunden. Nach dem Vorstellungsgespräch habe ich mir Erfurt angeschaut und fand es wunderschön. Auch die Aufgabe, eine Landesenergieagentur neu aufzubauen und ihre Arbeit inhaltlich gestalten zu können, fand ich sehr attraktiv. So fasste ich den Entschluss, nicht weiter zu suchen und in den Osten zu gehen! Ich komme sehr gut mit den Menschen hier klar und habe meine damalige Entscheidung nicht ein einziges Mal bereut.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Die ThEGA als Landesenergieagentur will die Themen Energiewende und Klimaschutz voranzubringen. Das ist schwieriger, als es klingt! Unsere Analysen zeigen mir beispielsweise, dass die meisten Windräder in Thüringen auswärtige Besitzer haben. Damit fließen auch die Gewinne größtenteils aus dem Land. Hier ist mein Ziel, alles dafür zu tun, dass sich das ändert. Die richtigen Mitarbeiter dafür habe ich gefunden. Jetzt sind wir dabei, gemeinsam mit den Leuten im Lande eigene Projekte zu planen. Und dasselbe tun wir für die Themen Energieeinsparung, Energieeffizienz, nachhaltige Mobilität usw.. Mein Ehrgeiz ist, dass wir das bestmöglich hinkriegen.

  • 1961

    Gladbeck

  • Aschaffenburg

  • Hanau

  • Frankfurt am Main

  • 2020

    Erfurt

Glaubst du, Menschen in Ostdeutschland können besser mit Veränderungen bzw. Wandel umgehen?

4 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich ostdeutsch?

Nein. Ich fühle mich deutsch. Im Westen geboren und aufgewachsen, heute im Osten zuhause. Wir haben sogar 850 Quadratmeter des Ostens mit einem Haus gekauft, um besser Wurzeln schlagen zu können! In meinem Leben habe ich in verschiedenen Regionen und verschiedenen Orten gelebt. Überall gibt es Besonderheiten und Eigenheiten, das gehört dazu – im Norden wie im Süden, im Westen wie im Osten. Ich habe mich immer bemüht, diese Besonderheiten und Eigenheiten zu ergründen und mein eigenes Verhalten darauf abzustimmen. Das hat mir immer geholfen, mit den Menschen vor Ort klar zu kommen und zu wissen, wie sie ticken. Damit bin ich in meinem Leben immer gut gefahren.

Welche Erfahrungen hast du in Ostdeutschland gemacht?

Oft bin ich von Leuten gefragt worden, ob es mir schwergefallen sei in den Osten zu gehen. Meine Antwort ist bis heute: Ich bin gern gekommen, fühle mich gut aufgenommen und bleibe gerne. Die Reaktionen meiner Familie waren zunächst gemischt. Meine Frau war dafür, während die Kinder nicht umziehen wollten – das hatte aber nichts mit Ost oder West zu tun, sie wollten einfach bei ihren Freunden in ihrer vertrauten Umgebung bleiben. Heute sind wir alle glücklich und zufrieden in Erfurt. Unsere Verwandtschaft im Westen hat es übrigens in den letzten zehn Jahren nicht geschafft, uns zu besuchen. Es mehren sich aber die Anzeichen, dass auch das demnächst passieren wird.

Glaubst du, Westdeutsche hatten nach der Wiedervereinigung im Osten Vorteile?

Das Gesellschaftssystem für das wiedervereinigte Deutschland war das des Westens. Die Westdeutschen waren darin aufgewachsen, die Ostdeutschen mussten sich einfinden, was nicht ohne Reibungsverluste geblieben ist. Die Verbitterung mancher Menschen meines Alters im Osten kann ich daher durchaus nachvollziehen.

Was hast du in Ostdeutschland gelernt?

Ich lebe in Ostdeutschland und natürlich beschäftige ich mich mit der ostdeutschen Geschichte. Und ich muss sagen: Hier war in früheren Zeiten richtig was los – sowohl kulturell als auch wissenschaftlich. Das alles ist spannend und die hohe Dichte an historischen Stätten, die man besichtigen kann, ist beeindruckend. Bildungsurlaub in Ostdeutschland ist unbedingt zu empfehlen! Nach der Wiedervereinigung hat sich vieles verändert und viele Menschen haben harte Zeiten durchmachen müssen. Mein Empfinden heute ist, dass der Osten im Kommen ist. Allein die steigende Anzahl von Weltmarktführern unter den ostdeutschen Unternehmen lässt mich für die Zukunft optimistisch sein.

Was wünschst du dir für Ostdeutschland?

Zunächst wünsche ich mir, dass Ostdeutschland mehr Selbstbewusstsein entwickelt. Dann wünsche ich mir, dass sich Ostdeutschland seine regionalen Eigenheiten erhält. Als ich vor zehn Jahren nach Thüringen kam, fiel mir als Erstes die Naturverbundenheit der Thüringer auf. Viele haben eine Leidenschaft für das Gärtnern, sammeln Kräuter und Früchte und teilen selbstgemachte Köstlichkeiten mit den Kollegen am Arbeitsplatz – das war in der Form neu für mich. Schließlich wünsche ich mir an mancher Stelle mehr Entschlossenheit und den Mut, eigene Entscheidungen für Veränderungen zu treffen und durchzusetzen. Sonst wird das Windrad vor der Haustür weiterhin dem Zahnarzt aus Hamburg gehören.