Wir sind der

Osten

Isabelle Hoyer

Isabelle Hoyer ist Gründerin & Geschäftsführerin des PANDA Women Leadership Netzwerks und 1978 in Dessau geboren und aufgewachsen.

Gegangen: Isabelle wohnt heute in Mering (Bayern).

Foto: Gabriele di Stefano

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Weshalb bist du gegangen?

Mein Liebster und ich sind zusammen vor 17 Jahren mit unserem damals einjährigen Sohn in die Nähe von München gezogen. Grund war – wie bei so vielen – die berufliche Perspektive. Ich habe damals noch studiert und war flexibel, aber für ihn boten sich hier völlig andere Möglichkeiten als im Osten. Wir haben die Chance bekommen, uns gemeinsam etwas aufzubauen – und das haben wir auch getan. Wer weiß, wie es anders gekommen wäre, aber: Hätten zu Hause ähnliche Möglichkeiten bestanden, wären wir wohl nicht gegangen.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der Frauen und Männer wirklich gleichberechtigt sind. Zu erkennen, dass wir von diesem Zustand noch weit entfernt sind, war ein (immer noch anhaltender) Schock – und Grund genug, mein Berufsleben dem Thema Gleichberechtigung zu widmen. Ich wünsche mir, dass meine Kinder in ihren Leben nicht von starren Rollen und damit verbundenen Einschränkungen belastet sind. Das motiviert mich, meine Energie für die Veränderung unserer Arbeitswelt und Gesellschaft einzusetzen. Durch meine Arbeit möchte ich Frauen eine Plattform für Austausch und gegenseitige Unterstützung schaffen, die sie ermutigt und befähigt, in ihren Umfeldern aktiv Wandel zu gestalten.

  • 1978

    Dessau

  • 2019

    Mering

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

3 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Ich bin überrascht, wie schwer es mir fällt, diese Frage zu beantworten. Ist Ostdeutschland meine Heimat, oder ist es Deutschland? Werde ich gefragt, wo ich herkomme, erwähne ich eigentlich immer, dass ich ursprünglich aus Ostdeutschland stamme – auch heute noch. Es interessiert mich auch an meinem Gegenüber. Warum ist mir das so wichtig? Glaube ich, dass Menschen ohne weitere Worte einen Teil meiner Geschichte verstehen? Suche ich nach Gemeinsamkeiten oder Unterschieden in unseren Biographien? Ich kann es nicht benennen, aber ganz sicher: Ich fühle mich ostdeutsch.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Ich reflektiere meine Herkunft heute, mit 40, viel stärker als zuvor. Ich bin zutiefst dankbar für den Zufall, in zwei so unterschiedlichen Welten gelebt haben zu dürfen. Ich glaube, diese Erfahrung macht es mir leichter, unser aktuelles System kritisch zu hinterfragen, denn ich habe auch eine Gesellschaft kennengelernt, die nach anderen Regeln funktioniert. Die meisten der Werte und Eigenschaften, die mir wichtig sind, verbinde ich mit meiner ostdeutschen Herkunft: Zusammenhalt, Bescheidenheit, Bodenständigkeit, Improvisation. Unendlich dankbar bin ich für das Vorbild der ostdeutschen Frauen. Sie erlebt zu haben, hat mich als Frau und als Mutter geprägt, mich frei und stark gemacht.

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir Respekt und Verstehen für die gewaltige Veränderung, die die Menschen in Ostdeutschland erlebt haben – und für die Leistung, damit umzugehen. Ich selbst verstehe diese Leistung erst im Rückblick. Als Jugendliche wuchs ich einfach so von einem System ins andere, das ging ganz leicht. All die Möglichkeiten, die sich damit eröffnet haben, kamen „zur richtigen Zeit“. Für die Generation meiner Eltern war es so viel schwieriger. Ich wünsche mir, dass das gewürdigt wird. Die Wahlerfolge der AfD (nicht nur, aber besonders) in Ostdeutschland erschüttern mich. Ich wünsche mir, dass Ostdeutschland selbstbewusster und selbstverständlicher Teil eines weltoffenen Deutschlands ist.