Wir sind der

Osten

Jeannine Koch

Jeannine Koch ist Direktorin republica GmbH und 1981 in Köpenick geboren, in Königs Wusterhausen aufgewachsen und hat später in Berlin und Australien gelebt.

Gegangen: Jeannine wohnt heute in Berlin.

Foto: Florian Dietrich

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Weshalb bist du gegangen?

Ich war acht Jahre alt, als ich, nach einem sechs Jahre langen Kampf meiner Eltern um die Ausreise, am 18. September 1989 gemeinsam mit mit meinen beiden älteren Brüdern durch den Tränenpalast ging. In den darauffolgenden zwei Jahren sind wir fünf Mal innerhalb West-Berlins umgezogen. Ich wurde in dieser Zeit insgesamt fünf Mal umgeschult. Als meine Eltern Mitte der 90er Jahre beschlossen, zurück nach Ost-Berlin zu ziehen, war für mich klar, dieses „Zurück“ gibt es so erst einmal nicht. Ich musste in den letzten Jahren als Erwachsene zunächst meine eigene Identität „verstehen“ lernen. Ich bin dann mit 18 aus Pankow weggezogen und lebe seit 20 Jahren in Moabit.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Ich habe schon eine Weile das Glück, in Unternehmen und Projekten zu arbeiten, die einen großen Fokus auf die Utopie unserer Gesellschaft legen. Sowohl in meiner vorherigen Position als Marketing- und Kommunikationsleiterin der IGA Berlin 2017 als auch jetzt als Direktorin der re:publica war und ist es uns ein Ziel, den positiven Blick auf die Entwicklung unserer Zukunft einzunehmen und zu vermitteln. Als ausgebildeter systemischer Business Coach ist es zudem meine Aufgabe, Menschen aus ihren negativen Gedankenschleifen herauszuholen und mit ihnen lösungsfokussiert in die Zukunft zu blicken.

  • 1981

    Köpenick

  • Königs Wusterhausen

  • Berlin

  • Australien

  • 2019

    Berlin

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

5 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Ich erinnere mich noch sehr intensiv an den Gang durch den Tränenpalast und die Ankunft auf dem Bahnsteig der S-Bahn, die uns zum „Lehrter Stadtbahnhof“, dem heutigen „Hauptbahnhof“, fahren sollte. Ich trug einen kleinen Koffer voller Kuscheltiere in meiner Hand und war ergriffen, auch wenn ich erst später begreifen sollte, warum. Ich wurde „ostdeutsch“ erzogen und „westdeutsch“ sozialisiert. Ich trage beides in mir und dennoch würde ich einen „Ossi“ unter Tausenden erkennen. Es gibt da ein Gemeinschaftsgefühl, was sich meist sehr schnell einstellt. Dieses Gefühl verwirrt mich oft, aber das verbinde ich u.a. mit “ostdeutsch” sein.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Ich glaube, dass ich durch die Ausreise und anschließende Wende die Angst vor Veränderungen verloren habe. Mein sehr junges Leben war geprägt vom ständigen Wandel und bis heute bereiten mir Veränderungsprozesse kaum Sorgen. Gleichzeitig habe ich viele Brüche in meiner Familie erlebt, die auch existentieller Natur waren. Das wiederum hat mich früh angetrieben, etwas aus mir und meinen Träumen zu machen. Bis heute sind diese beiden Aspekte wesentliche Motoren meines Lebens. Zudem haben mich all diese Erfahrungen zu einer echten Europäerin werden lassen, die die Freiheiten, die wir heutzutage genießen dürfen nicht als gesetzt erachtet, sondern als Privileg.

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Für Ostdeutschland wünsche ich mir, dass es wieder eine eigene Identität haben darf. Nicht im Sinne von „Ostalgie“, denn die halte ich für gefährlich und „depressiv“, sondern im Sinne eines (auch kritischen) Bewusstseins und Stolz über die eigene Herkunft. In nur zehn Jahren gibt es die DDR genauso lange nicht mehr, wie sie existierte. Aber die Erinnerungen und die Nachfahren dieses Landes leben über Generationen weiter. Ich hoffe, dass wir schließlich offenen Herzens zusammenwachsen und Unterschiede zu Einkommen, Renten etc. bald der Vergangenheit angehören. Nach 30 Jahren wünsche ich mir zudem, dass wir endlich aufhören von „Neuen Bundesländern“ zu reden. Denn Sprache schafft Wirklichkeit!