Wir sind der

Osten

Jennifer Kroll

Jennifer Kroll ist Verlegerin und 1975 in Berlin geboren, hat später in Portsmouth (UK) und Friedrichshafen am Bodensee gelebt.

Zurückgekehrt: Jennifer wohnt heute in Berlin.

Foto: Nico Klein-Allermann

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Weshalb bist du zurückgekehrt?

Rein geographisch gesehen habe ich es nicht weit gebracht – ich wohne mit meiner Familie ungefähr 900 Meter weit von meinem Geburtskrankenhaus „Maria Heimsuchung“ in Pankow entfernt. Zwischendurch habe ich ein Jahr in England gelebt, auch der Liebe wegen, habe den Engländer nach Berlin importiert. Später kam ein Beruf am Bodensee dazu, guter Job, idyllische Gegend. Als ich nach einem Jahr dort auf einer Wiese saß, Walderdbeeren pflückte und über dem See die Alpen leuchten sah, hätte ich eigentlich glücklich sein müssen. War ich aber nicht. Mir fehlte der Helmholtzplatz, genauer gesagt, der Geruch von nassen Pflastersteinen mit Hundekot nach einem warmen Sommerregen. Das war genug!

Wie gestaltest du die Zukunft?

Als Verlegerin habe ich die Möglichkeit, Geschichten zu erzählen – wir machen Bücher mit Menschen, die Besonderes erlebt haben. Inspiriert zu dieser Ausrichtung wurde ich durch die Erfahrung des Mauerfalls. Wie gehen Menschen mit so einem einschneidenden Umbruch um? Wie kann man es schaffen, eine Nische für sich zu finden? Was geschieht, wenn das nicht klappt? Und wie bleibt man bei den großen Umwälzungen des Lebens sich selbst treu? Diese Fragen treiben mich bei jedem neuen Buchprojekt um. Privat erziehe ich drei Nachwuchs-Ossis und tue mein Bestes, ihnen das Berlinern beizubringen.

  • 1975

    Berlin

  • Portsmouth (UK)

  • Friedrichshafen am Bodensee

  • Heute

    Berlin

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Die DDR war ein besonderes Land, mit seinen eigenen Regeln, einer eigenen Kultur und Kommunikation. Das hat jeden, der in der DDR aufgewachsen ist, geprägt, und für mich ist der Umgang mit diesem Erbe ein wesentlicher Teil meiner Identität. Die Rolle von Frauen und Müttern in der DDR war selbstbestimmter und gleichberechtigter, auch das habe ich mitgenommen. Ich bin froh, dass ich dieses Land erlebt habe, aber auch, dass danach etwas Neues kam, das mir und vielen anderen ermöglicht hat, die Welt da draußen zu entdecken – und mich ganz anders auszuprobieren, beruflich und privat.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Ich war 14, als die Mauer gefallen ist, mitten in der Pubertät. Ich habe gelernt, wie man in der DDR mehr oder weniger klarkommt, wo man frei sein kann, wo man an Grenzen stößt. Ich habe das System dann fallen sehen, habe erlebt, wie meine Eltern versucht haben, einen Weg für sich zu finden in dieser neuen Welt. Der Euro ist meine dritte Währung. Ich habe sehr früh gelernt, dass alles endlich ist – und dass ich mich vor Ideologien jeder Art in Acht nehmen muss.

Was wünschst du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir Mut für den Osten. Kluge Leute, die sich trauen, zu kommen und zu bleiben. Ich wünsche mir, dass die AfD nicht mehr als Lösung für irgendwas missverstanden wird, von irgendwem. Ich wünsche mir, dass wir aus dem Osten uns selbstbewusst mit unserem Erbe auseinandersetzen – und auch selbstkritisch. Denn mit unseren Erfahrungen von einem untergegangenen Staat inkl. Gesellschaftssystem sind wir anderen im Kapitalismus einen Schritt voraus.