Wir sind der

Osten

Jessy James LaFleur

Jessy James LaFleur

Jessy James LaFleur ist 1985 in Ostbelgien geboren und später nach Ostdeutschland gezogen.

Rübergemacht: Jessy wohnt aktuell in Görlitz. Sie ist Spoken Word Künstlerin.

Foto: Paul Glaser

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Weshalb hast du in den Osten rübergemacht?

Ich fühle mich hier heimischer und erlebe mehr Miteinander als in westdeutschen Städten. Es gibt hier noch Freiräume für die Verwirklichung von Ideen und Utopien. Als Schulabbrecherin konnte ich hier auch ohne akademischen Titel punkten, während man in Westdeutschland die fehlenden Diplome stets bemängelte. Ich habe im Osten ein größeres Interesse und Vertrauen in meine Arbeit erfahren und es stand für mich außer Frage, dass ich an einen Ort ziehen wollte, wo mein Engagement etwas leisten kann. Gegen die ostdeutsche Provinz wettern ist einfach, wenn man in seinem Elfenbeinturm in der linksgrünen Großstadtblase hockt. Es gibt viel zu tun, deswegen kam ich und deswegen bleibe ich.

Wie gestaltest du die Zukunft?

2015 gründete ich die Initiative „ANGEPRANGERT! SPOKEN WORD“, die in ganz Europa, vorrangig aber in Deutschland, beheimatet ist. 2016 wurde das Projekt mit einem Gründerstipendium in Görlitz ausgezeichnet und füllt seitdem die Freiräume mit Poesie, Workshops und neuen Ideen. Wir organisieren seit Juli die „Oberlausitz:Tour“, die aus drei Poetry-Slams in Zittau, Görlitz und Bautzen besteht, haben die Plattform „Kultur.Land.Schafft!“ für Künstler*innen der Oberlausitz entworfen und während der Coronakrise einen „SpokenWord-Online-Workshop“ für junge Nachwuchpoet*innen entwickelt. Wir wollen im Osten weiter wachsen und halten an der Utopie eines „SpokenWord-Campus“ und neuen Ausbildungsmöglichkeiten fest.

  • 1985

    Ostbelgien

  • 15 verschiedene Länder

  • 2020

    Görlitz

Glaubst du, Menschen in Ostdeutschland können besser mit Veränderungen bzw. Wandel umgehen?

3 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich ostdeutsch?

Die Mentalität und Grundstimmung in Ostdeutschland hat mich von Beginn an eher angesprochen, sie erinnert mich an mein ostbelgisches Zuhause. Es fühlt sich gegenüber gebürtigen Ostdeutschen und mit Blick auf den historischen Kontext jedoch falsch an, mich als Ostdeutsche zu bezeichnen. Bis in die heutigen Generationen sind die historischen Ereignisse tief verwurzelt und ich denke dass hier noch eine gewisse Aufarbeitung geleistet werden muss, bevor der Osten einfach nur eine Himmelsrichtung und kein Stempel mehr ist. Da muss der Westen auch seinen Beitrag zu leisten und die üblichen Stereotypen über den Osten aus den Medien streichen. Die Frage, die ich mir stelle: Will er das eigentlich?

Welche Erfahrungen hast du in Ostdeutschland gemacht?

Ich erlebe den Ärger mit der AfD oder Nazis hier hautnah, aber auch ein unglaubliches Engagement der soziokulturellen Szene im Kampf gegen Rechtsextremismus und sterbende Städte. Ich traf hier Gleichgesinnte, die einen motivieren, sich zu involvieren und aktiv mitzumischen. Ich hätte mich nirgendwo sonst beruflich und aktivistisch so weiterentwickeln können. Ich finde die Landschaft attraktiver und auch der Stressfaktor ist geringer. Außerdem fand ich im Osten die Liebe meines Lebens. Natürlich will man dann nicht mehr weg. Aber ich habe auch Misstrauen erfahren und Ablehnung. Ich denke, dass Menschen hier vermehrt Angst vor neuen Dingen haben, was für mich auch die Wahlergebnisse erklärt.

Glaubst du, Westdeutsche hatten nach der Wiedervereinigung im Osten Vorteile?

Natürlich hatten Westdeutsche nach der Wiedervereinigung mehr Vorteile! Sie konnten von der prekären Situation vieler Ostdeutscher profitieren, hatten mehr Geld, verdrängten die alten Produkte, kauften Landstriche und Unternehmen auf und von der Treuhand will ich gar nicht anfangen zu reden. Als ich 2013 nach Deutschland kam, gingen viele zum Studium in den Osten, weil sie sich anderswo keinen Wohnraum leisten konnten oder die Unis voll waren. Ich kenne fast ausschließlich westdeutsche Vermieter in Görlitz und man hört stets von internationalen Investoren statt von ostdeutschen. Die Situation hat sich wohl kaum geändert. Nun ja, in Leipzig und Jena kosten WG-Zimmer jetzt 300€.

Was hast du in Ostdeutschland gelernt?

Dass es eben nicht nur Nazis gibt und dass die Wiedervereinigung nicht nur ein Gewinn, sondern für viele auch ein Verlust war. Dass die Ostalgie ein verklärtes und kapitalistisches Konzept ist und der Geschichte nicht gerecht wird. Dass in westdeutschen Schulen zu wenig auf den Osten eingegangen wird und viele Schicksale im Verborgenen liegen und nicht beleuchtet werden.

Dass man hier erfolgreich sein kann und die nötige Unterstützung bekommt. Aber es reicht nicht aus, sich ins gemachte Nest zu setzen. Wer Veränderung will, muss diese anstreben, und das kann abschreckend sein. Aber man zieht halt nicht zum Feiern in die Provinz, obwohl es sich hier verdammt gut feiern lässt.

Was wünschst du dir für Ostdeutschland?

Es gibt noch jede Menge geschichtliche Altlasten aufzuarbeiten und so manche*r sträubt sich vehement davor. Dazu gehören auch Ablehnung, Ausgrenzung und Angst vor dem Fremden. Ich denke, dass Ostdeutschland das Potential hat, es anders zu machen. Dass eben nicht Investoren die Stadtbilder gestalten, sondern die Menschen, die dort leben. Ich hoffe dass sich der Osten ein (Negativ)Beispiel an Berlin nimmt und keinen alten Konzepten nachjagt, sondern neue entwickelt. Ich hoffe, dass ich in der Zukunft genau diese Erfahrung machen darf; dass wir etwas Nachhaltigeres geschaffen haben werden, basierend auf den Werten, die die Ostdeutschen so stolz machen: Menschlichkeit und Zusammenhalt.