Wir sind der

Osten

Judith Kenk

Judith Kenk ist Diplom-Betriebswirtin und 1981 in Züssow (Mecklenburg-Vorpommern) geboren, hat später in Heidenheim an der Brenz (Baden-Württemberg) gelebt.

Zurückgekehrt: Judith wohnt heute in Malchow.

Foto: Sebastian Meier

Das Profil teilen:

Weshalb bist du zurückgekehrt?

Neben den fehlenden Wurzeln in Süddeutschland haben wohl die Kinder den Ausschlag gegeben. Es ist eine große Last, sie alleine groß zu ziehen und wenn sie dann so alt sind, dass sie fragen können, wann wir wieder zu Oma und Opa fahren, dann bricht es einem das Herz. Für mich war es auch ein bisschen ein Wendepunkt in meiner beruflichen Laufbahn. Ich wollte etwas andere, wollte entwickeln, mitgestalten… all das habe ich eher in MV gesehen.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Ich koordiniere das Netzwerk Seenplatte. Wir vernetzen Gründer, Unternehmer und Kreative in der Region Seenplatte und darüber hinaus. Hier habe ich viele Möglichkeiten, die Zukunft der Region mitzugestalten. Zum einen durch die Stärkung der Unternehmer und somit auch der Region, mit der Implementierung neuer Ideen und dem Glauben, dass man nahezu alles schaffen kann. Außerdem begleite ich aktuell ein Projekt, das sich auf sprachliche Weise mit dem Thema Heimatliebe befasst. Wir veranstalten mehrere Poetry Slams, bei denen es darum geht, die Seenplatte romantisch, verliebt, ironisch, kritisch und mit einem Augenzwinkern zu betrachten. Wir wollen daraus ein Imageprojekt für die Region machen.

  • 1981

    Züssow

  • Heidenheim an der Brenz

  • 2019

    Malchow

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

3 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Ich war acht Jahre bei der Wende, ich fühle mich einfach nur deutsch und verliebt in meine Heimat MV. Ich würde heute alles wieder genauso wollen, Kindheit in der DDR und ab dem Alter, wo man eigene Ideen entwickelt und kritische Fragen hat, Wiedervereinigung. Ich bin froh, dass ich nicht als Erwachsene in der DDR leben musste. Als Kinder waren wir sehr behütet, außer man hat den Pioniernachmittag vergessen. Wir haben gelernt, dass es nicht immer alles gibt, Nahrungsmittel, Spielzeug. Da war ein Schokoröllchen etwas Besonderes und jeder durfte nur eins nehmen. Das hat mich geprägt.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Ich weiß, dass das Äußern der freien Meinung etwas Besonderes ist, die freie Berufswahl ist es ebenso, das Reisen. Die Knappheit, die wir als Kinder erlebt haben, war nicht tragisch, in keinster Weise, aber sie bleibt auch unvergessen. Das ist gut so, denn so bekommt man hin und wieder ein Verhältnis zu dem Überfluss, den wir heute haben.

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir, dass mehr Leute anpacken und ihr persönliches Glück nicht bei der AfD suchen. Ich wünsche mir, dass es beim Gehalt oder der Rente keinen Unterschied mehr gibt, denn bei den Lebenshaltungskosten gibt es ja auch keinen. Ich wünsche mir gelebte Demokratie, anpacken und mehr Selbstbewusstsein! Ich flippe aus, wenn dumme oder assoziale Leute, die es zweifelsohne überall gibt, in der Presse gezeigt werden und somit alle anderen denken, wir sind alle so. Ich wünsche mir, dass nicht alle denken, wir wären hier rechtsradikal, sprechen alle sächsisch und essen nur Kartoffeln. Wir sind fleißig und glücklich, eine vielfältige Region mit vielfältigen Menschen, das sollen alle sehen!