Wir sind der

Osten

Marc Rath

Marc Rath

Marc Rath ist 1966 in Solingen geboren und später nach Ostdeutschland gezogen.

Rübergemacht: Marc wohnt aktuell in Tangerhütte-Polte. Er ist Chefredakteur.

Foto: Hans-Jürgen Wege (t&w)

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Weshalb hast du in den Osten rübergemacht?

In den 80er-Jahren habe ich mich sehr für die DDR, das Leben dort und die deutsch-deutsche Politik interessiert. Ich wollte daher Anfang 1991 nach Abschluss meiner journalistischen Ausbildung aus dem tiefen Westen heraus im Osten arbeiten, um die Entwicklung mitzuerleben und mitzugestalten. So habe ich mich auf eine Stellenanzeige der Braunschweiger Zeitung für die Ausgabe in Haldensleben beworben, wo die Zeitung damals eine neue Lokalausgabe gegründet hatte. Zu dem Zeitpunkt kannte ich weder die Zeitung noch Haldensleben.

Die Zeit war dann so intensiv, dass ich unbedingt bleiben wollte.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Geboren in Westdeutschland, beruflich großgeworden ab 1991 im Osten Deutschlands und mit einer Altmärkerin verheiratet wandle ich heute zwischen beiden Welten – beruflich seit zweieinhalb Jahren wieder im Westen bei der Landeszeitung für die Lüneburger Heide in Lüneburg, privat im kleinen Elbe-Ort Polte zwischen Tangermünde und Magdeburg. Mein Herz schlägt dabei für den Osten, hier habe ich Veränderungen miterlebt und -gestaltet, die sich wenige Kilometer weiter westlich kaum einer so richtig vorstellen mag. Darauf schaue ich mit tiefem Respekt.

  • 1966

    Solingen

  • Haldensleben

  • Potsdam

  • Neuruppin

  • Uelzen

  • Stendal

  • 2020

    Tangerhütte-Polte

Glaubst du, Menschen in Ostdeutschland können besser mit Veränderungen bzw. Wandel umgehen?

4 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich ostdeutsch?

Ja. Irgendwann in den 90er-Jahren dachten viele, mit denen ich damals zu tun hatte, ich sei kein Zugereister. Ich habe mein neues Leben sehr verinnerlicht. Insofern kann ich heute beides. Bei meinen Stationen in Niedersachsen ärgere ich mich oft darüber, was dort über Ostdeutschland und die Ostdeutschen gedacht wird. Es zeugt oft von Nichtwissen, Vorurteilen und einer mangelnden Bereitschaft des sich Einlassens.

Welche Erfahrungen hast du in Ostdeutschland gemacht?

In meiner Heimat hat das damals kaum einer verstanden. Berühungspunkte gab es auch kaum. „Die sind da doch alle doof“ habe ich mehr als einmal gehört. Sind und waren sie natürlich nicht. Vielmehr habe ich ein hohes Maß an Improvisation, Wissbegierigkeit, aber auch Unsicherheit erlebt – und die Möglichkeit, etwas zu bewirken und weiterhelfen zu können. Das hat mich sehr beeindruckt und auch geprägt. Die Menschen sind meist unkomplizierter und direkter gewesen, wenn man gegenseitig Vertrauen gewonnen hatte.

Glaubst du, Westdeutsche hatten nach der Wiedervereinigung im Osten Vorteile?

Ja oder Nein ist hier nicht ganz einfach. Wer sich nicht auf die Region eingelassen hatte, hatte es schwerer und ist meist auch wieder zurückgegangen oder unter sich geblieben. Der Vorteil war, dass alles nicht verkrustet war, insbesondere in der ersten Hälfte der 90er viel ausprobiert werden konnte und alle voneinander lernen konnten, so sie es denn wollten.

Was hast du in Ostdeutschland gelernt?

Auf einige der Punkte bin ich in den vorigen Antworten schon eingegangen. Im Alltag der ersten Jahre hat mich am meisten das Wesen des Kollektivs beeindruckt. In Teilen hatte dies überdauert – und ist mitunter bis heute zu beobachten. Der starke Austausch und Zusammenhalt einerseits, aber auch die Leere, wo diese Form weggebrochen war, andererseits, haben mich sehr beeindruckt. Was sich über die Jahre bemerkbar gemacht hat, ist das fehlende Bürgertum, das die DDR systematisch unterbunden hat.

Was wünschst du dir für Ostdeutschland?

Das Selbstbewusstsein bewahren, sich nicht zurückziehen, sondern die Stimme zu erheben und dabei um die eigenen Stärken und Schwächen zu wissen. Der Strukturwandel ist hier härter und radikaler, aber das kann man auch als Chance verstehen und muss dann entsprechend – auch finanziell – begleitet werden. Dann kann hinterher der Westen vom Osten lernen, wenn er vor den gleichen Themen steht.