Wir sind der

Osten

Marten Hahn

Marten Hahn ist freier Auslandskorrespondent und 1984 in Berlin geboren, in Dresden aufgewachsen.

Gegangen: Marten wohnt heute in London.

Foto: Siegfried Michael Wagner

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Weshalb bist du gegangen?

Gegangen wegen: Liebe. Meine Partnerin ist Britin. Und ich wollte verstärkt als Auslandskorrespondent arbeiten. London war da eine gute Wahl. Mein Umzug fiel mit dem Brexit-Referendum zusammen. Und ich bin nicht sehr heimatverbunden.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Ich arbeite seit drei Jahren als Korrespondent in London und produziere dort Radiostücke für die öffentlich-rechtlichen Sender. Auch davor war ich häufig für Reportagen im Ausland unterwegs – von Indonesien bis Island. Mir macht es Spaß, mit einem Puzzleteil zu beginnen und ein Thema immer weiter zu erschließen, bis das große Ganze sichtbar ist. Ich mag Dinge, die neu sind, die ich nicht kenne. Und – Achtung Klischee – ich mag es, Brücken zu bauen. Auch Zuhause. Momentan wird viel geschrien und wenig zugehört. Das finde ich schwierig. Wenn mir ein Taxi-Fahrer in Dresden erzählt, dass die Medien gleichgeschaltet sind, dann versuche ich meine Arbeit zu erklären, statt abzuschalten.

  • 1984

    Berlin

  • Dresden

  • 2019

    London

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Ja, aber (!) nur manchmal. Immer dann, wenn der Osten Thema ist – in den Medien oder in privaten Diskussionen. Wenn Dinge vereinfacht werden. Wenn Zeitungen Kommentare schreiben mit Titeln wie „Ignoriert den Osten!“. Wenn ich ausländischen Freunden die Wende erkläre. Wenn ich aus beruflichen Gründen in NRW oder Hessen unterwegs bin. Dann kommt der Ossi in mir hoch. Ich kann mit dem Begriff Heimat eigentlich wenig anfangen. Aber geht es um Ostdeutschland, kommt da ein Gefühl der Zugehörigeit in mir auf. Sonst fühle ich mich europäisch. Ich fühle mich in Barcelona – dort habe ich ein Jahr studiert und bin immer noch häufig dort – zum Beispiel eher Zuhause als in Köln.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Ich bin 1984 geboren und erinnere mich nur noch an die Montagsdemos, die in Dresden an unserem Fenster vorbeizogen und an das Honecker-Portrait, das beim Bäcker an der Wand hing. Und meine Eltern gehören definitiv zur Gruppe der „Wendegewinner“. Aber es gibt da so eine Art Kollektivbewusstsein. *Schublade auf* Wenn ich neue Leute treffe, spüre ich oft, ob ich es mit einem Ost- oder Westdeutschen zu tun habe. Ossis wirken oft echter und geben auch mal Tiefschläge zu. Bei uns ist nicht immer alles „super“. Das finde ich angenehm menschlich. Meine Generation hat durchaus gelernt, sich zu verkaufen. Aber ich glaube, wir gehen mit einer großen Portion Empathie durchs Leben. *Schublade zu*

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Dass die Menschen dort nicht als Block, sondern nuanciert wahrgenommen werden. Dass die Volksparteien aufwachen und den Rechten das Wasser abgraben. Dass die Probleme dort nicht als ostdeutsche Probleme wahrgenommen werden, sondern in einem globalen Kontext. In den abgehängten Gebieten Ostdeutschlands gibt es heute weder Jobs noch Ärzte noch öffentlichen Nahverkehr. Aus ähnlichen Gründen gehen in Frankreich die Gilet jaunes auf die Straße und wählen die Menschen in Italien die Lega. Ich finde es deswegen teilweise konstruiert, den Menschen im Osten ihre DDR-Vergangenheit vorzuwerfen und damit den Rechtsruck zu erklären.