Wir sind der

Osten

Martin Thiele-Schwez

Martin Thiele-Schwez ist Medienwissenschaftler, Game Designer und Projektmanager und 1985 in Saalfeld an der Saale geboren.

Foto: Anne Sauer

Gegangen: Martin wohnt heute in Berlin.

Das Profil teilen:

Weshalb bist du gegangen?

Da ich studieren wollte, war recht klar, dass ich meinen Heimatort verlasse. Viele meiner Schulfreunde*innen verschlug es nach Jena. Da ich jedoch ein ganz bestimmtes Studium favorisierte, dort auch die Eignungsprüfung erfolgreich bestand, zog es mich zunächst nach Bayreuth. Die geringe Distanz zu meinem Heimatort ließ es jedoch zu, dass der Draht in die Heimat ganz gut Bestand hatte. Der bestimmende Faktor für weitere Ortswechsel war stets das akademische/berufliche Vorankommen, was eine zunehmende räumliche und in Teilen geistige Distanz von meiner Heimatregion nach sich zog. Gleichwohl fühle ich mich derselben bis heute verbunden.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Der Blick zurück hatte einen maßgeblichen Einfluss auf mein heutiges Schaffen. Über Jahre erforschte ich die Spielekultur der DDR und erhielt darüber nicht nur einen Einblick in zahllose heitere, kuriose, heimelige und zum Teil betrübliche Ostbiografien, sondern ich verstand Spiele erstmals als historisches Zeitzeugnis und wirkungsmächtige Medien. Von diesem Moment an entwickelte ich Spielformen aller Art. Die Themen hierbei sind stets verschieden – sie eint jedoch der Glaube daran, durch spielerische Interventionen Systeme verstehbar zu machen, Inhalte zu vermitteln, Kritik zu üben und Menschen zu aktivieren. Meine Spiele entfalten ihre Wirkung in Museen, Schulen und auf deinem Smartphone.

  • 1985

    Saalfeld an der Saale

  • 2019

    Berlin

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

3 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Eine schwierige Frage: Denn mir fehlen die Worte für das, was ich dabei fühle. Beim Lesen der Bücher von z.B. Jana Hensel bin ich ganz dankbar, da sie Erfahrungen in Worte fasst, die ich mitunter auch teile. Spreche ich mit „gesamtdeutschen“ Freund*innen über deren Biografien, ihre Elternhäuser, über all die Dinge, die ihnen sowieso klar sind, dann stelle ich fest, dass uns gewisse Dinge trennen. Je älter wir werden, je stärker auch ich west-sozialisiert bin, desto geringer werden wahrscheinlich diese Differenzen. Gleichwohl bleibt etwas sehr Deutliches (und doch schwer zu Benennendes) in meiner zurückliegenden Biografie, was tief in mir steckt und einen „anderen“ Erfahrungshorizont mitbringt.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Meine Herkunft beeinflusst mich, wie jede Herkunft jede Person beeinflusst. Es ist der Erfahrungsschatz, auf den ich zurückgreife.
Was ich an der dezidiert ostdeutschen Herkunft bemerkenswert finde, ist, dass meine Generation in eine Welt hineingeworfen wurde, die nicht mehr die Welt ihrer Eltern war. Die Elterngeneration war nicht selten zurückgezogen, stumm – ob ihrer angemahnten Positionierung im „Verlierer-System“. Die Orientierung in einer Welt, die zunehmend größer, globaler, digitaler und schneller wurde, lag also zunehmend in der Verantwortung der jüngeren, dritten Generation Ostdeutscher.

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir für Ostdeutschland blühende Landschaften. Und das meine ich nicht zynisch. Wenn ich durch den Osten fahre, dann sehe ich nicht allein abgehängte Dörfer, sondern auch Orte, in denen Galerien ausstellen, Öko-Bauern ihre Produkte verkaufen, gar Sushi-Läden eröffnen und hippe Aussteiger*innen Boote verleihen. Ich wünsche mir, dass die Menschen aktiv werden, etwas aufbauen und proaktiv gestalten. Ich wünsche mir Weltoffenheit und keine kleinkarierten, feindzähligen Wutbürger, die sich hinter ihren Gartenzäunen verstecken, keine Lust mehr auf die Welt da draußen haben eine vermeintliche Erinnerung an eine bessere Vergangenheit aufrecht erhalten, die es so vielleicht nie gegeben hat.