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Osten

Sedâ Eden

Seda Eden

Sedâ Eden ist in in der Türkei geboren, in Niedersachsen aufgewachsen und später nach Ostdeutschland gezogen.

Rübergemacht: Sedâ wohnt aktuell in Berlin, wo sie als diplomierte Juristin tätig ist.

Foto: Alexander Shapovalenko

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Weshalb hast du in den Osten rübergemacht?

Ich ging für das Jura-Studium nach Frankfurt (Oder) an die Universität Viadrina, weil sie einen starken Europa-Bezug hat. Europarecht war Teil des Staatsexamens und auch mein universitärer Schwerpunkt. Außerdem bot mir Frankfurt als Grenzstadt die Möglichkeit, mit Polen ein neues Land und dessen Kultur kennenzulernen. Ich lebe jetzt bereits seit vielen Jahren in Berlin, im ehemaligen Ostteil der Stadt. Das finde ich spannender, weil sich hier noch mehr wandelt, die Subkultur noch vielfältiger ist und sich jeder ausprobieren kann.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Als Juristin mit Erfahrungen im Journalismus und im Politikbetrieb, versuche ich, die Entwicklungen in der Gesellschaft zu erkennen, zu analysieren und Lösungswege schriftlich aufzuzeigen. Auch in persönlichen Gesprächen versuche ich, mehr Verständnis zwischen den Kulturen zu wecken und Barrieren in den Köpfen abzubauen. Dies ist mir ein besonderes Anliegen, da ich selbst einen Migrationshintergrund habe, einen Großteil meiner Jugend jedoch bei meiner deutschen Familie verbracht habe und interkulturell aufgewachsen bin. Daher weiß ich, dass Akzeptanz, Toleranz und Integration fließende Prozesse sind, die man optimieren kann. Darauf vertraue ich und danach handele ich.

  • Türkei

  • Niedersachsen

  • Brandenburg

  • Großbritannien

  • 2020

    Berlin

Glaubst du, Menschen in Ostdeutschland können besser mit Veränderungen bzw. Wandel umgehen?

3 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich ostdeutsch?

Nein. Ich bin Europäerin, die in der Türkei geboren wurde und mittlerweile Wurzeln in Deutschland geschlagen hat. Beim Eintauchen in die deutsche Kultur, nahm ich Deutschland von Beginn an als eine Einheit wahr. Daher wehrte ich mich auch immer gegen Schubladendenken, wie ich es schon als Kind erlebt habe, wenn die Frage „Nerelisin?“ fiel. Das bedeutet „Woher kommst du?“ und verfolgt oft die Absicht, jemanden aufgrund seiner Herkunft in der Türkei ethnisch, religiös oder politisch einzusortieren, als gut oder schlecht zu klassifizieren. Für mich ist also Ost oder West irrelevant. Ich habe auch in Großbritannien gelebt, bin aber zurückgekommen, weil Deutschland meine Heimat ist.

Welche Erfahrungen hast du in Ostdeutschland gemacht?

Ich habe in Frankfurt (Oder) erfahren, welchen Aufbauwillen die Menschen haben und wie sie in schwierigen Situationen nicht den Mut verlieren. Großartig empfand ich den EU-Beitritt Polens 2004. Die Grenzöffnung weckte ein Gefühl von mehr Freiheit und europäischer Einheit. An meiner Uni studierten mehrheitlich Ostdeutsche, die ehrgeizig ihre Chance auf Bildung wahrgenommen haben. So konnte ich auch deren Denken und Lebenseinstellungen kennenlernen. Trotz meines südländischen Aussehens wurde ich aufgrund meiner hochdeutschen Sprache oft als Wessi klassifiziert. „Fremdenfeindlichkeit“ habe ich leider auch einige Male erlebt, z. Bsp. Beleidigungen, aber so etwas kommt auch in Westdeutschland vor.

Glaubst du, Westdeutsche hatten nach der Wiedervereinigung im Osten Vorteile?

Westdeutsche hatten sicher Vorteile, weil sie mit dem gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen System, das nach der Wiedervereinigung auch im Osten galt, seit Jahrzehnten vertraut und mit diesem aufgewachsen waren. Viele Westdeutsche, die damals in den Osten gingen, hatten große Vergünstigungen wie mietfreies Wohnen oder bekamen „Ost-Zuschläge“. Sie hatten nicht nur das Know-how, sondern auch die finanziellen Mittel, um ostdeutsche Betriebe günstig zu übernehmen. Selbst ich als Studentin profitierte von günstigen Lebenshaltungskosten. In München oder Köln hätte ich mein Studium wahrscheinlich gar nicht finanzieren können. Davon profitieren Westdeutsche im Osten heute noch.

Was hast du in Ostdeutschland gelernt?

In Ostdeutschland werde ich auf Schritt und Tritt mit dem DDR-Erbe konfrontiert und begegne vielen Zeitzeugen, die bereitwillig über diese Zeit reden. Ich habe gemerkt, dass die Wiedervereinigung letztendlich noch immer nicht verarbeitet ist, dass es auch 30 Jahre danach Ressentiments gibt und dass der Prozess des Zusammenwachsens noch lange nicht abgeschlossen ist. Zwar macht mich das traurig, aber ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen werden. Positiv aufgefallen sind mir immer wieder der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander.

Besonders schätze ich die Aufgeschlossenheit und Herzlichkeit einer meiner besten Freundinnen, die selbst Ostdeutsche ist.

Was wünschst du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche Ostdeutschland Chancengleichheit und gleiche Lebensverhältnisse zwischen Ost und West, z. Bsp. bei den Löhnen. Ich fände es auch schön, wenn die Menschen dort ein positiveres Bild von Westdeutschen und vor allem von Ausländern gewännen. Kulturelle Vielfalt und Andersartigkeit sollten mehr geschätzt oder zumindest akzeptiert werden. Sehr wichtig finde ich auch Vertrauen in die Demokratie, in den Rechts- und Sozialstaat, sowie seine Institutionen, z. Bsp. eine freie Presse. Denn der Zulauf, den rechte Demagogen in manchen ostdeutschen Bundesländern haben, der Hass, den sie schüren, macht mir große Sorgen.