Wir sind der

Osten

Dr. Stefan Brandt

Dr. Stefan Brandt ist Direktor des Futuriums und 1976 in Weimar geboren und aufgewachsen.

Gegangen: Stefan wohnt aktuell in Berlin.

Foto: Peter-Paul Weiler

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Weshalb bist du gegangen?

Bis ich 18 war, habe ich in Weimar gelebt. Schon damals eine wunderschöne Stadt – und inzwischen erinnert nichts mehr an den Verfall in der DDR-Zeit. Doch wollte ich unbedingt das Lebensgefühl größerer Städte kennenlernen und habe mich über Paderborn, Basel, Zürich, Wien und Hamburg bis nach Berlin „vorgearbeitet“. Vor meiner Zeit als Futurium-Direktor war ich unter anderem einige Jahre lang Unternehmensberater und habe in vielen Ländern Projekte durchgeführt. Ich glaube schon, dass das Gefühl des Eingesperrt-Seins in der DDR dazu beigetragen hat, dass ich später oft unterwegs war. 1989 hätte ich mir auch nicht vorstellen können, dass ich einmal an exponierter Stelle im Grenzbereich zwischen Ost und West arbeiten würde. Das Futurium liegt nämlich genau an der ehemaligen Mauerlinie am Kapelle-Ufer der Spree. Dort waren in der DDR-Zeit alle Gebäude entfernt worden, um den Grenztruppen freie Sicht (und freies Schussfeld) zu schaffen. Was für ein Kontrast zur heutigen Situation!

Wie gestaltest du die Zukunft?

Als Direktor des Futuriums beschäftige ich mich beruflich mit Zukunftsthemen. Im Futurium, dem „Haus der Zukünfte“ im Zentrum Berlins, dreht sich alles um die Frage: Wie wollen wir leben? In der Ausstellung können Besucher*innen Zukunftsoptionen entdecken, im Forum gemeinsam diskutieren und im Futurium Lab eigene Ideen ausprobieren. Es geht um die großen Zukunftsherausforderungen: Wie können wir den Klimawandel in den Griff bekommen? Wie schaffen wir die Nachhaltigkeitswende? Welche Innovationen können uns dabei helfen? Wie wollen wir künftig als Gesellschaft zusammenleben? Das im September 2019 eröffnete Futurium möchte alle Besucher*innen dazu ermutigen, sich mit Zukunft auseinanderzusetzen und Zukunft mitzugestalten.

  • 1976

    Weimar

  • Detmold/Paderborn

  • Basel

  • Wien

  • Zürich

  • Hamburg

  • 2022

    Berlin

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

5 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Ich würde sagen „in between“… Da ich seit 1994 nicht mehr im Osten gelebt habe, ist das Lebensgefühl sicherlich ein anderes. Aber noch immer gibt es Momente des Wiedererkennens, etwa, wenn ich Produkte „von früher“ im Supermarkt entdecke. Und ich glaube schon, dass ich noch immer ein gewisses Grundverständnis für Belange und Befindlichkeiten des Ostens habe. Auch ein pragmatisches und sachorientiertes Herangehen an Probleme würde ich als ostdeutsch bezeichnen – nicht umsonst gelang es den Menschen in der DDR ja immer wieder, auch unter widrigen Bedingungen scheinbar Unmögliches möglich zu machen …

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Das Entscheidende: Ich habe in der Wendezeit 1989 die Kraft der Disruption kennengelernt. Plötzlich wurde zuvor Unvorstellbares wie die Demokratisierung und danach die deutsche Einheit Realität. Das hat mich geprägt und lässt mich, allen Herausforderungen zum Trotz, letztlich immer optimistisch in die Zukunft blicken.

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir mehr Selbstvertrauen in die eigenen Stärken und Stolz auf das Erreichte. Es wird weiterhin zu selten gewürdigt: 1989 war die erste deutsche Revolution, die unblutig verlaufen ist. Das ist doch großartig! Die Bürger*innen der DDR haben sich selbst befreit und sich auf den Weg in Richtung Demokratie gemacht. Dass der Prozess der Vereinigung alles andere als reibungslos verlaufen ist, gehört zur Wahrheit dazu. Die Lebenserfahrungen des Ostens spielten insbesondere am Beginn der deutschen Einheit kaum eine Rolle – ein blinder Fleck, der noch heute nachwirkt. Und dennoch ist es gelungen, in vielen Orten Ostdeutschlands Neues aufzubauen. Ostdeutsche haben in Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur zudem Großes bewegt, obwohl noch immer zu wenige Ostdeutsche Führungspositionen bekleiden. Die Erfahrungen der Ostdeutschen mit den Veränderungsprozessen seit 1989 – sowohl was die Erfolge als auch was die Fehler angeht – können ein wertvoller Beitrag für die großen Transformationen sein, die Deutschland beim Klimaschutz und der Digitalisierung noch bevorstehen.

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