Wir sind der

Osten

Sylvie Kürsten

Sylvie Kürsten ist Kulturjournalistin, Regisseurin und Dokumentarfilmautorin und 1979 in Ludwigsfelde geboren.

Status: Sylvie wohnt heute in Berlin.

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Weshalb bist du zurückgekehrt?

Zunächst bin ich aus professionell-pragmatischen Gründen aus Norddeutschland nach Berlin zurückgekehrt. Ein Job-Angebot eines westdeutsch sozialisierten Mediums mit Dependance in Berlin und mit einem weiteren Quoten-Ossi nebst westdeutschen Redaktions-MitarbeiterInnen hat mich in den Ostteil der Hauptstadt geholt. Dort wurde ich als ostdeutsch sozialisierte Journalistin gesehen bzw. dazu gemacht und habe mich auch zunehmend wie eine verhalten. Schließlich war ich plötzlich meiner Heimat näher und habe mich – wie wohl andere Mittdreißiger auch – vermehrt damit beschäftigt. Wobei das Bekanntwerden des NSU-Komplexes 2011 wie ein Katalysator gewirkt hat.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Als Kulturjournalistin habe ich die luxuriöse Freiheit als auch die Verantwortung, auf Themen hinzuweisen, die jenseits der tagespolitischen Agenda liegen. Ich empfinde es als meine Pflicht, struktureller Diskriminierung entgegenzuwirken, etwa indem ich bewusst KünstlerInnen sprechen lasse in Dokus über die Kunstwelt, die bis heute nachweislich männlich dominiert ist. Gleichzeitig habe ich immer wieder vehement gegen eine nicht persönlich empfundene, aber doch strukturell nachgewiesene Ausblendung von ostdeutschen Themen an-berichtet. Diese Sichtbar-Machung eines Teils von Deutschlands erscheint mir selbst 30 Jahre nach der Wende absurderweise immer noch als eine zukunftsweisende Vision.

  • 1979

    Ludwigsfelde

  • Lüneburg

  • Hamburg

  • 2019

    Berlin

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

5 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Obwohl ich mich völlig frei bewegen kann, fühle ich mich bis heute, als käme ich aus einer anderen Welt. Und das, was mich anders macht, ist – je nach Situation schwankend – eine Mischung aus geheimnisvollem Stolz oder demütigendem Makel. Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl, so Grönemeyer. Und meine Heimat ist weniger Brandenburg als Ostdeutschland. Aber ich fühle mich nicht ostdeutsch, weil ich Frösi gelesen, Bambi gegessen oder Vroni gehört habe und weil viele westlich der Elbe bis heute nicht wissen, was ich damit meine. Ich fühle mich ostdeutsch, weil ich weiß, dass ich mit Werten und Fähigkeiten erzogen worden bin, die mich relativ immun gegenüber Konjunkturphasen machen.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Nur manchmal beschert mir meine ostdeutsche Herkunft einen kurzen Schauer der Unsicherheit, gelegentlich erfüllt sie mich mit Stolz, in den meisten Fällen macht sie mich neugierig und zwingt mich zur Verantwortung, zum Farbe-Bekennen. Etwa dazu, nicht einfach die nächste x-beliebige Kunst-Doku zu machen, sondern eine über die lange verkannte und verdrängte und nun endlich wiederentdeckte Kunst aus der DDR!

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Ein zweites Good-Bye Lenin. Eine neuerliche ost-westdeutsche Horizontverschmelzung. Eine wie auch immer geartete, nachgeholte Existenzrechts-Anerkennung der DDR. Kein ganz rationaler, einforderbarer Akt, wie meine geschätzte Kollegin Kerstin Decker in ihrem Buch ‚Letzte Ausfahrt Ost‘ schreibt, aber wohl das Tiefste, Intimste, was zwischen Menschen oder eben Teilvölkern geschehen kann…