Wir sind der

Osten

Tarek Barkouni

Tarek Barkouni ist 1988 in Essen geboren und später nach Ostdeutschland gezogen.

Status: Tarek wohnt aktuell in Leipzig, wo er als freier Journalist arbeitet.

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Weshalb hast du in den Osten rübergemacht?

Die einfache Antwort ist: Jena ist weit weg von zu Hause und war für mein Studienfach eine der besten Unis. Die vermeintlich niedrigen Mieten und Lebenserhaltungskosten haben zwar irgendwie zu meiner Entscheidung beigetragen, haben sich aber (zumindest für Jena) nicht wirklich bestätigt und waren für einen 19-jährigen eh nebensächlich.
Dass Jena eine ostdeutsche Stadt ist, war ansonsten kaum ein Grund für oder gegen die Entscheidung. Als Kind der Ruhrregion war für mich damals eh das meiste Osten, was weiter als Münster war.

Wie gestaltest du die Zukunft?

Ich schreibe gegen den Blick von außen an. Als Journalist versuche ich die Lebensrealität vieler Ostdeutscher nachzufühlen, zu verstehen und auch anderen zu erzählen. Die anderen, das sind oft Menschen in Westdeutschland, die den Kopf schütteln, wenn sie Texte über den Osten lesen. Zu erklären, wieso Ostdeutschland so ist wie es ist, es aber auch in seinen zahlreichen Facetten zu zeigen, sehe ich als meine Aufgabe an. Dafür versuche ich natürlich mit möglichst vielen verschiedenen Menschen zu sprechen.

  • 1988

    Essen

  • Wuppertal

  • Jena

  • München

  • Leipzig

Glaubst du, Menschen in Ostdeutschland können besser mit Veränderungen bzw. Wandel umgehen?

4 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich ostdeutsch?

Ich lebe jetzt seit zehn Jahren mit einer kurzen Unterbrechung hier. Meine Partnerin ist ostdeutsch, viele meiner Freunde sind es auch. Abgesehen von fehlenden Wendeerfahrungen in der engeren Familie habe ich viele Probleme, die andere Ostdeutsche auch haben: Fehlende Infrastruktur, niedrigere Gehälter oder Überalterung auf dem Land. All das betrifft mich genauso wie meinen Nachbarn, warum sollte ich mich also nicht ostdeutsch fühlen?

Welche Erfahrungen hast du in Ostdeutschland gemacht?

Es gab einige Sprüche, als die Entscheidung fest stand. Ein Freund hat mir die ersten Wochen sogar regelmäßig „Westpakete“ geschickt. Aber für mich war das alles vollkommen anders. Von der ersten Sekunde war ich verliebt, fasziniert und einfach Fan. Alles hatte irgendwie Geschichte und wenn ich in einer Gruppe älterer Menschen gefragt habe, gab es meist mehrere Erfahrungen zu erzählen. Aus der Frage: „Wie hießen eigentlich die Kondome im Osten?“ wurde eine wahnsinnig witzige Diskussion über Sex, die Pille und geheime Liebesnester, von denen doch irgendwie alle wussten.

Glaubst du, Westdeutsche hatten nach der Wiedervereinigung im Osten Vorteile?

Ich glaube, viele Ostdeutsche wollten etwas von Westdeutschland haben. Sei es mehr Demokratie oder auch Wohlstand und Konsummöglichkeiten. Das haben im Westen viele verstanden und gnadenlos ausgenutzt.

Was hast du in Ostdeutschland gelernt?

Die erste Mischung Goldkrone-Cola, die Ausflüge um Jena herum, Partys in besetzten Häusern oder Industrieruinen. Das war für mich Freiheit und gleichzeitig etwas, das ich aus dem Ruhrgebiet kannte: Arbeite mit widrigen Umständen und mach was draus. Diese Idee von Ostdeutschland habe ich bis heute behalten und finde sie jeden Tag wieder, wenn ich Geschichten von Leuten höre. Gleichzeitigt ist das aber auch der größte Unterschied zwischen meiner alten und der neuen Heimat. Die einen dürfen stolz auf ihre Geschichte sein, die anderen werden auf Unrechtsstaat und friedliche Revolution reduziert.

Was wünschst du dir für Ostdeutschland?

Dass die vielen Verletzungen verheilen. Das betrifft natürlich auch wirtschaftliche. Viel wichtiger fände ich aber persönliche und gesellschaftliche. Persönlich, in dem Sinne, dass Menschen, die ihre Arbeit verloren haben und dadurch auch die vielbeschworene Lebensleistung, für sich etwas finden. Gesellschaftlich in dem Sinne, dass die krasse Spaltung aufhört. Erzählungen von Menschen, die alles, was mit der DDR zu tun hat, so inbrünstig hassen, dass ich manchmal erschrocken bin. Die alles Linke so sehr ablehnen, weil es sie vermeintlich an die SED und DDR erinnert.