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Osten

Thomas Krüger

Thomas Krüger ist Gemeindepfarrer und Schulpfarrer und 1967 in Frankfurt/Oder geboren, in Ostbrandenburg aufgewachsen und hat später in Wiesbaden, Mainz und Heidelberg gelebt.

Zurückgekehrt: Thomas wohnt heute in Neubrandenburg.

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Weshalb bist du gegangen?

Ich wollte damals mit 22 Lebensjahren unbedingt den Westen kennenlernen, meinen Horizont erweitern und Erfahrungen sammeln. Mein Patenonkel bot mir sofort nach der friedlichen Revolution an, bei seiner Familie in Wiesbaden zu wohnen. Aus dem geplanten einen Semester wurden dann insgesamt fünf an den Unis in Mainz und in Heidelberg. Damals konnte ich mir gut vorstellen, auch dort zu bleiben und zu leben. Doch die asphaltierten Feldwege um Heidelberg und die interessanten Berichte über die spannenden Veränderungen im Osten haben bei mir den starken Willen entwickelt, dort mitgestalten zu wollen. Ein Land, in dem nicht schon alles schick und geregelt ist, war für mich damals viel spannender.

Wie gestaltest du die Zukunft?

1997 war ich mit meiner Ausbildung zum Pfarrer fertig und wurde von meiner Kirche gefragt, den Religionsunterricht an zwei Schulen in Seelow aufzubauen. Es war in den 90ern in der Kirche für den Pfarrernachwuchs schwer, eine Gemeindepfarrstelle zu bekommen. Dieses Angebot nahm ich gerne an und baute den Evangelischen Religionsunterricht in Seelow auf. Der RU ist dort etabliert, wird gern besucht und ich unterrichte ihn immer noch. Als Religions-lehrer war ich auch zwei Legislaturperioden im Gemeinderat meines damaligen Wohnortes Lietzen tätig. Seit 2005 bin ich Pfarrer in Neuhardenberg. In diese Jahre fallen die Fertigstellung der Restaurierung der Schinkel-Kirche und der Kirche in Wulkow.

  • 1967

    Frankfurt/Oder

  • Ostbrandenburg

  • Wiesbaden

  • Mainz

  • Heidelberg

  • 2019

    Neubrandenburg

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

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Fühlst du dich Ostdeutsch?

Ich bin im Osten in einem Pfarrhaus groß geworden. Wir hatten viele Kontakte nach Westdeutschland und bekamen viel Besuch von dort. In der Schule war ich immer der bunte Vogel, der kein Pionier- und kein FDJ-Hemd besaß, da ich in diesen Organisationen nicht Mitglied war. Das Abitur habe ich an einer kirchlichen Schule in Potsdam-Hermannswerder abgelegt. Dort habe ich die Freiheit des Denkens und des Redens sehr schätzen gelernt. Ich hatte im Osten eine schöne Kindheit und Jugend und viele Freunde. Vielleicht sind das alles Gründe, weshalb ich mich nicht unbedingt ostdeutsch fühle.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Ich bin nach wie vor sehr froh, dass ich in Ostdeutschland kirchlich sozialisiert aufgewachsen bin. Hier habe ich meine geistige Heimat und meine Wurzeln und durch die Erziehung meiner Eltern freies und selbstständiges Denken schätzen gelernt. Die Wendezeit und die Jahre danach sind die spannendsten, wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückblicke. Es ist eine durchaus stärkende Erfahrung, wenn man als junger Mensch erlebt, dass man gemeinsam mit vielen anderen ein diktatorisches System an sein Ende bringen kann – und das auch noch friedlich. Im vereinten Deutschland regt mich meine ostdeutsche Herkunft gern dazu an, Wichtigtuerei, Schaumschlägerei und Selbstdarstellerei zu hinterfragen.

Was wünscht du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir zuversichtliche, hoffnungsvolle, dankbare und selbstbewusste Menschen, die mit Stolz zurückblicken auf das, was sie damals geleistet haben: eine Revolution, bei der es keine Toten zu beklagen gab; die viele Brüche in den eigenen Biografien bewundernswert gemeistert haben; die ihr Land und ihre Städte gemeinsam mit westdeutscher Hilfe wieder aufgebaut haben; die nicht nur neidisch auf die schauen, denen es besser geht, sondern auch mal den Blick in die ehemaligen Bruderstaaten des Ostblockes wagen, wo es viele Menschen gibt, denen es deutlich schlechter geht, als den Ostdeutschen. Und als Pfarrer wünsche ich mir, dass der Glaube an Gott im Osten wieder wächst.