Wir sind der

Osten

Tobias Thiel

Tobias Thiel ist Politikwissenschaftler und amtierender Akademiedirektor und 1973 in Freiberg/Sachsen geboren und in Radebeul aufgewachsen.

Zurückgekehrt: Tobias lebt heute in Wittenberg.

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Weshalb bist du zurückgekehrt?

Nach dem Abitur 1992 war für mich schnell klar, dass ich die – für mich neue – Reisefreiheit nutzen und Menschen aus anderen Teilen der Welt kennenlernen will. Über einen Eine-Welt-Laden, den ich mitgegründet hatte, hatte ich Kontakt zu einem Entwicklungshelfer in El Salvador, bei dem ich 1993 vier Monate Lehrer*innen in der „Educación popular“ unterrichtete. Anstelle des Zivildienstes absolvierte ich 1995/96 einen Freiwilligendienst in einem Projekt der internationalen Jugendbildung in Metz (Frankreich). 1997/98 studierte ich ein Jahr an der bekannten Hochschule Science Po in Paris und arbeitete parallel an einer Wirtschaftshochschule als Deutschlektor.

Wie gestaltest du die Zukunft?

In der politischen Jugendbildung entwickle ich mit Jugendlichen Zukunftsvisionen und Jugendbeteiligungskonzepte mit digitalen Medien (www.j-a-w.de/partizipation). Partizipationsmöglichkeiten für junge Menschen werden durch meine Beteiligung in Netzwerken gestärkt, z.B. in der Gründung des Landeszentrums für Kommune+Jugend Sachsen-Anhalt und beim Jugendengagementpreis Sachsen-Anhalt. Kommunal wirke ich in der Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Wittenberg und im Bündnis Wittenberg Weltoffen mit.

  • 1973

    Freiberg/Sachsen

  • El Salvador

  • Metz

  • Paris

  • Heute

    Wittenberg

Glaubst du, deine Wende-Erfahrung bzw. die Wende-Erfahrung deiner Familie hat dich auch für den Digitalen Wandel gewappnet?

4 von 5
Stimme gar nicht zu
Stimme voll und ganz zu

Fühlst du dich Ostdeutsch?

Jenseits meiner Auslandserfahrungen habe ich immer in ostdeutschen Bundesländern gelebt und fühle mich Ostdeutschland verbunden. Dazu gehört auch das Interesse, Teil des Veränderungsprozesses zu sein und diesen zu einem Teil mitgestalten zu können. Inzwischen stört mich aber auch die weit verbreitete unreflektierte Ostalgie, wenn z.B. mit Begründung „Das hat uns früher auch nicht geschadet“ gar nicht erst auf aktuelle Argumente eingegangen wird, wenn Menschen mit großem PKW und Eigenheim erzählen, wie schlecht es ihnen heute geht, oder Nachbarn hohe Hecken zwischen ihren Gärten pflegen und mir dann berichten, wie schade es ist, dass man sich heute nicht mehr über den Gartenzaun unterhält.

Wie beeinflusst dich deine ostdeutsche Herkunft?

Bis heute beeinflusst mich meine Jugend in der DDR, in der ich in einer kirchlich geprägten Familie gelernt habe, aus Gewissensgründen zur widersprechen. Die Zeit der friedlichen Revolution, in der die Regierung der Bevölkerung hinterher gelaufen ist, bleibt als Eindruck. Geprägt hat mich aber auch die Erfahrung, dass ein hochgerüstetes, stabiles System innerhalb eines Jahres verschwinden kann. Das stärkt mich auch heute darin, Dinge zu hinterfragen und scheinbare Selbstverständlichkeiten nicht als gegeben hinzunehmen, aber auch zu schauen, was mir wichtig. Mit der Kenntnis von der Endlichkeit von Systemen muss ich keine Karriere anstreben und kann trotzdem erfolgreich sein.

Was wünschst du dir für Ostdeutschland?

Ich wünsche mir für die Ostdeutschen, dass sie gelassener werden und sehen, dass die meisten im weltweiten Vergleich im Wohlstand leben. Ich wünsche mir, dass sie sich stärker als Gestalter*innen des Wandels und als Verantwortliche für ihre Regionen sehen und einbringen. Für Ostdeutschland wünsche ich mir, dass es dafür bessere Rahmenbedingungen und mehr Möglichkeiten gibt, Menschen dazu zu ermutigen und bei diesen Prozessen zu unterstützen.