Gemeinsam mit euch haben wir zwei Jahre #wirsindderosten und den Launch unseres neuen Projektes #wirsindpolitik in Berlin gefeiert. Rund 100 Menschen waren dabei. Neben der Gründungsgeschichte ging es in Kurzvorträgen um Visionen für die Zukunft Ostdeutschlands. Zum Auftakt von #wirsindpolitik diskutierten Spitzenpolitiker*innen, wie Ostdeutschland eine stärkere Stimme bekommen kann.

Ostbewusstsein stärken

2019 begann alles mit einem Tweet, erzählte Journalistin und Initiativgründerin Melanie Stein zu Beginn des Abends. Gemeinsam mit einem ehrenamtlichen Team, darunter Christian Bollert von detektor.fm, Lutz Mache von Google oder Coworking-Manager Tobias Kremkau entstand die Initiative, die Menschen in und aus Ostdeutschland sichtbar macht. Gemeinsam mit einer stets wachsenden Community macht sich die Initiative gegen Vorurteile stark und braut Brücken zwischen Ost und West. Speakerin Valeria Schönan ist eine der mehr als 500 Menschen, die ihre Geschichte auf wirsindderosten.de erzählt haben. Auf dem Event sagt sie: „Ich wusste lange nicht, was Ostbewusstsein ist. Ich denke, es muss nach außen ganz präsent gezeigt werden und wir müssen sichtbar werden. Deshalb finde ich Projekte wie #wirsindderosten so wertvoll.“ Keynote-Speakerin Vera Schneevoigt (Chief Digital Officer Bosch) berichtete davon, was sie über den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland gelernt hat, welche Erfahrungen sie mit ostdeutschen Mitarbeitenden gemacht hat und dass sie großes Potential in einem stärkeren Ost-West-Austausch sieht. Und Musiker und Keynote-Speaker Hendrik Bolz aka Testo von Zugezogen Maskulin wünscht sich viel mehr ostdeutsche Bürger*innen, die sich engagieren und an den progressiven Geist von 1989 erinnern: „Der ostdeutsche Diskurs soll nicht versiegen und die ostdeutsche Stimme dauerhaft hörbar bleiben“.

Diskussion: Wie bekommt Ostdeutschland eine stärkere Stimme?

Auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung gehen Ostdeutsche, vor allem junge, seltener wählen als Menschen in Westdeutschland. Es engagieren sich auch weniger in Parteien. Woran liegt das? Darum ging es in der Paneldiskussion, moderiert von Initiatorin Melanie Stein. Grünen-Politiker Stefan Gelbhaar, der 1976 in Ost-Berlin geboren wurde, erklärte es damit, dass der Staat sich gerade im ländlichen Raum in Ostdeutschland aus der Fläche zurückgezogen haben. Das sei vielleicht zu viel gewesen und müsse rückgängig gemacht werden. Für Philipp Rubach, Gründer der Initiative „Aufbruch Ost“ und parteiloser Direktkandidat für Die Linke, war dagegen klar, dass viele das Gefühl hätten, die Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben. In den letzten 30 Jahren hätte sich viel zu wenig in Ostdeutschland getan. Dem widersprach der gebürtige Senegalese und SPD-Bundestagsabgeordnete Karamba Diaby sehr vehement. Natürlich sei nicht alles perfekt, aber er lebe seit 40 Jahren in Halle und aus seiner Sicht sei unheimlich viel passiert. Lilli Fischer, Social Media-Referentin der CDU, glaubt, dass Politik vielleicht auch zu kompliziert geworden ist und man sie nicht gut genug erkläre. 

Braucht es eine Ost-Quote?

Dass es mehr Ostdeutsche in Führungspositionen braucht, darüber war sich die Runde einig. Linda Teuteberg, ehemalige FDP-Generalsekretärin, betonte aber:  „Ostdeutsche können und sollten für alle möglichen Themen politische Verantwortung übernehmen. Ostdeutsche können viel mehr als nur ostdeutsche Themen. Das gehört für mich persönlich auch zum Thema Selbstbewusstsein und Ostbewusstsein.“ Es sei ein Problem, wenn es keine Vorbilder gebe, sagte Stefan Gelbhaar von den Grünen. Es gibt Orte in Ostdeutschland, da sind der Bürgermeister, der Sparkassen-Chef und Oberstaatsanwalt alles Männer aus Westdeutschland. 

Politisches Engagement in Ostdeutschland

Aber wie kann das politische Engagement in Ostdeutschland denn nun belebt werden? Dafür müsse die Abwanderung gerade aus dem ländlichen Raum aufgehalten werden, auch hier waren sich alle einig. Philipp Rubach wünscht sich eine bessere Infrastruktur, um junge Menschen zu halten. Auch Linda Teuteberg weiß, dass sich viele auf dem Land ein schnelleres Internet, einen Arzt, eine gute Busverbindung oder den Tante Emma-Laden (zurück)-wünschen. Doch müsse man auch hier ehrlich sein, sagt die FDP-Politikerin. Nicht überall mache das wegen der geringen Bevölkerungszahl noch Sinn. Karamba Diaby (SPD) und Lilli Fischer von der CDU glaubten, dass der Schlüssel für mehr politisches Engagement in der politischen Bildung ist. Lilli fordert deshalb sogar, dass schon ab Klasse 7 Politik in den Schulen unterricht wird.

Den Mitschnitt der Diskussion haben wir auch auf unserem YouTube-Kanal veröffentlicht.

 

Die Leipziger Band 2ersitz hat für den musikalischen Ausklang unseres Events gesorgt. Wir hätten uns keinen besseren Sound vorstellen können.⁠ Vielen Dank dafür. Das Event wurde vom Basecamp Berlin, der Sparda-Bank Berlin und der VNG AG unterstützt.

Und sonst?

Mit #wirsindpolitik möchten wir Menschen in Ostdeutschland für Politik begeistern, aktivieren und befähigen, ihre Stimme hörbar zu machen. Neben den Texten auf der Website begleiten wir das Projekt mit Live-Gesprächen auf unserem Instagram-Kanal @wirsindder.osten. Immer Mittwochs mit spannenden Gesichtern des Projekts.

#wirsindpolitik-Illustrationen von Anita Mihályi