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Wir haben wirsinderosten.de um eine neue Rubrik ergänzt: #rübergemacht. Denn in unserem Bild von Ostdeutschland hat noch eine Gruppe gefehlt: Menschen, die in Westdeutschland oder im Ausland aufgewachsen sind und in den östlichen Bundesländern ihre Heimat gefunden haben. Auch sie gestalten die Zukunft positiv. Auch sie sind der Osten. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung erzählen sie ihre Geschichten. Aber fühlen sie sich auch ostdeutsch?

Diese Frage hat #wirsindderosten-Initiatorin Melanie Stein beim Auftakt am 4. August gemeinsam mit Bodo Ramelow (Ministerpräsident Thüringen), Kai Diekmann (Ex-Bild-Chef & Unternehmer), Jessy James LaFleur (Spoken Word Artist), Juliane Stückrad (Ethnografin) und Josa Mania-Schlegel (Journalist) diskutiert. Es ging hoch her. Hier könnt ihr euch die Debatte auf Youtube anschauen:

Fast ein Viertel aller #rübergemacht Teilnehmenden fühlt sich ostdeutsch

Seit 1990 lebt Bodo Ramelow, der in Niedersachsen geboren wurde, in Thüringen und setzt sich für Ostdeutschland ein. Erst als Gewerkschaftler, später als Politiker. Er ist der erste Ministerpräsident, den die Linkspartei gestellt hat. Und er fordert mehr Beachtung für Ostdeutschland. Aber fühlt er sich ostdeutsch? “Nein”, sagte Ramelow auf dem Online-Panel, “Ich fühle mich nicht ostdeutsch, mir fehlt die DDR-Erfahrung.” Er habe sehr viel hinterfragen müssen, um überhaupt verstehen zu können, “wie hier Probleme entstehen und wie sie zu lösen sind.”

Kai Diekmann, gebürtiger Bielefelder und seit 2007 Wahlpotsdamer, hatte zwar auf Twitter geschrieben: “I love to be an Ossi!” Doch so wie in seinem #rübergemacht-Profil sagte er auch an dem Abend, dass er sich nicht ostdeutsch fühlt. “Unser Umzug war eine bewusste Entscheidung für Potsdam ­­­­­- nicht für Brandenburg”, erklärte Diekmann. “Wir haben uns in die Architektur verliebt, das viele Wasser.” Und: “Ich hatte nicht das Gefühl, in Bielefeld, in Hamburg noch groß mitgestalten zu können. In Potsdam schon.”

Die Gründe dafür, dass viele Menschen nach Ostdeutschland gezogen sind, sind vielfältig. Mehr als 100 Menschen erzählen ihre individuelle Geschichte. Anders als Diekmann geben 23 Prozent der Befragten Menschen an, sich (auch) ostdeutsch zu fühlen.

Die Jüngste ist 25, der Älteste 81 Jahre alt. Sie sind Studierende, Unternehmerinnen, Künstler, Landwirte, Hochschulprofessoren, Gastronominnen und viele mehr, die auf dem Land oder in der Stadt leben. Zu ihnen gehören der Musiker und Kabarettist Rainald Grebe, Fußballnationalspielerin Johanna Elsig, der Fotograf Ben de Biel und die Autorin, Aktivistin und Festivalveranstalterin Birgit Lohmeyer.

 

„Westdeutsche sollten anfangen zu sagen: ‚Ich bin Westdeutscher, ich bin privilegiert‘.

Beim Auftaktpanel ging es vor allem um die Frage, was eine ostdeutsche Identität ausmacht. Aus wissenschaftlicher Sicht bleibe diese mit der DDR verbunden, sagte Volkskundlerin Juliane Stückrad: “Diktaturerfahrungen prägen bis heute die Erinnerungskultur.”

Laut Jessy James LaFleur aus Ostbelgien präge das selbst die Nachwendegeneration, denn viele Menschen Anfang 20 hätten mitbekommen, dass ihre Eltern ihre Identität verloren hätten: “Dieser Generationsschmerz trägt sich weiter. Er ist der Unterschied.”

Josa Mania-Schlegel sprach von einem “nicht artikulierbaren Groll”, der sich seiner Beobachtung nach bei ostdeutschen Nachwendekinder aufbaue ­- und sich gegen gleichaltrige im Westen Aufgewachsene richte. In Städten wie Leipzig pralle man aufeinander. “Es ist das fehlende Erbe, das fehlende Wissen der ostdeutschen Eltern, Kapital aufzubauen; vielleicht auch akademische Lücken.” Von westlich sozialisierten Menschen wünscht sich Mania-Schlegel deshalb, sich selbst kritisch zu reflektieren und anfangen zu sagen: “Ich bin Westdeutscher, ich bin privilegiert.” – “Vita-Cola trinken allein macht einen nicht zum Ostdeutschen.”

86 Prozent der #rübergemacht-Teilnehmenden sagen, Westdeutsche hatten nach der Wiedervereinigung im Osten Vorteile

In der Tat bringen viele der Befragten Wertschätzung gegenüber den Erfahrungen ihrer Mitbürger in Ostdeutsschland zum Ausdruck: 86 Prozent bejahten die Frage, ob Westdeutsche nach der Wiedervereinigung im Osten Vorteile hatten. In ihren Profilen unter dem Button #rübergemacht erfahrt ihr außerdem, welche Erfahrungen sie in Ostdeutschland gemacht haben, welche Vorurteile sie abgelegt haben, was ihre Herausforderungen sind und wie sie die Zukunft gestalten.

Zwei von ihnen sind auch die Polit-Referentin Karimé Diallo und Dolmetscherin Medine Yilmaz, die beim Zoom-Event berichteten, dass dort, wo Rechtsextremismus sichtbar ist, auch viel politisches Engagement auf der anderen Seite passiert, über das jedoch medial seltener berichtet wird.

Was denkt ihr? Ist ostdeutsch sein eine Frage der Herkunft? Wie können wir eine Definition schaffen, die Brücken baut und vereint? Wir freuen uns auf eure Kommentare!